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New Era - Südmeer

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New Era - Südmeer
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Taladius Goldfaden
Held
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Anmeldedatum: 24.06.2008
Letzter Besuch: 06.02.2015
Beiträge: 1062
Wohnort: Würzburg

BeitragVerfasst am: Sa Jan 26, 2013 7:05 pm    Titel: New Era - Südmeer Antworten mit Zitat

In der Hoffnung, dass ich vielelicht doch wieder die Begeisterung und Zeit finde, regelmäßig weiter zu schreiben. Die ersten Schnipsel zu "New Era", in denen es größtenteils um die Städte im Südmeer geht.
Zu Orientierung hatten wir auch noch eine (nicht mehr 100%ig aktuelle) Weltkarte

Kapitel 1. Euer kleiner Krieg

Alina gab einen erbärmlichen Anblick ab, spätestens seit der Nieselregen sich
in ihr langes, ebenholzbraunes Haar verfangen hatte und es in dicken, unordentlichen Strähnen
über ihre schmalen Schultern und den feuchten Fellmantel hing, den sie fest um sich
geschlungen hatte. Unbeholfen stapfte sie über die sanften, mit saftigem Gras bedeckten Hügel
der tersischen Halbinsel, während ihre Füße ihr immer weniger gehorchten und das Gewicht
des triefend nassen Fells sie zu Boden zu werfen drohte.
„Nur noch ein paar Schritte, bloß ein paar Schritte,...“, murmelte sie vor sich hin, während ihre
Augen hoffnungsvoll auf die kleine Siedlung starrten, die sich wie ein gewaltiges Geschenk vor
ihr ausbreitete. Ein paar Tränen traten zögerlich den Abstieg über ihre Wange hinab,
vermischten sich mit den Regentropfen und rissen diese mit in die Tiefe, wo sie auf von frischem Tau bedeckten Grashalmen landeten.
Sie erkannte Tessen an der Flagge, die unter der blauen Faust von Ters auf braunem Grund
auch mit einem roten Hühnerkopf bestickt war, doch in diesem Moment war es so gut wie jedes
andere. Die niedrige Palisade aus verfaulenden Holzpfählen und der kleine Erdwall versperrten
die Sicht, doch die größeren Gebäude, wie der Turm des Wachhauses, einige zweistöckige
Wohnhäuser und der Kornspeicher überragten sie mühelos.
Sie war nur noch einen Steinwurf entfernt, als schließlich ihre Stiefel im schlammigen Weg
stecken blieben und sie das Gleichgewicht verlor. Mit einem dumpfen Platschen fiel sie auf die
weiche Erde. Sie hatte es fast geschafft...

Jason hatte es kaum erwarten können, an diesem Morgen noch vor dem
Hahnenschrei aufzustehen, sein Frühstücksbrot im Gehen essen und am Nordtor Wache halten
zu dürfen, während der Rest des Dorfes noch schlief und alles um ihn herum kalt und feucht
war. Selbst die Möwen, deren Geschrei vom Küstenwind den ganzen Tag landeinwärts getragen
wurde, hielten noch die Schnäbel. Er spuckte angewidert auf den Weg, doch fiel das bei all den
kleinen Schlammpfützen nicht einmal auf. Mit jedem Schritt wurde er daran erinnert, dass
Tessen langsam zerfiel. Die salzige Luft und der raue Westwind hatten der Palisade mehr
zugesetzt, als je ein feindlicher Ansturm; die Gebäude waren seewärts ausgeblichen und
versanken jährlich ein winziges Stück tiefer im immerfeuchten Grund.
Meine Enkel werden sie wahrscheinlich nicht mehr finden, dachte er sich mit bitterem Lächeln auf den Lippen, aber unterdrückte vorerst die Welle an Vorwürfen, die ihn wieder zu überrollen drohte. Dass er hier nie glücklich war und sein Glück in Ters versuchen wollte. Oder sogar in Nyrra. Irgendwo, nur nicht in diesem kleinen, vergessenen Dorf am Küstenrand, um das sich längst keiner mehr kümmerte. Wo seine Tochter und seine zwei Söhne aufwuchsen und möglicherweise das selbe Schicksal auf sie wartete. Wo Träume schwanden und Hoffnung genauso im Erdboden verschluckt wurde wie alles andere auch.
Ruckartig wurde er aus seinen trübsinnigen Gedanken gerissen. Das Tor stand offen.
Mit flauem Gefühl im Magen beschleunigte er seine Schritte, um sich einen Spieß zu schnappen und nach dem Rechten zu sehen.
Alinas Atem pfiff ruckartig und unregelmäßig durch ihren Mund und ihr
schmerzverzerrtes Gesicht sah nur die fetten Grashalme, über die sich ihre Stiefel schoben.
Schritt für Schritt näherten sie sich dem erlösenden Tor, ihr Retter ging stumm neben ihr her,
die Arme stützend um sie geschlungen.
„Was hast du uns denn da angeschleppt?“, rief eine besorgte Stimme aus dem inneren der
Palisade. Ihr Begleiter antwortete nicht, folgte nur stumm dem schmalen Weg hinauf zum Tor.
„Tareg? Ich weiß, ich hätte dem Wirt nicht sagen sollen, dass du deine letzten drei Bier nicht
bezahlt hast, aber das ist kein Grund, nicht mit mir zu sprechen!“
Der Mann kam näher und Alina hob den Kopf gerade hoch genug, um seine Beine und den
Schaft des Speeres wahrzunehmen.
„Stop, kein Schritt weiter!“, brüllte er los und klang nervös, „Wer ist die Frau und was sucht sie
alleine hier draußen?“
„Nur eine verirrte Seele auf der suche nach einem warmen Feuer. Könnten wir das bitte unter
einem Dach besprechen?“ Die Dringlichkeit ihres Wunsches untermalte die dünne Stimme und
das gelegentliche Husten, das sie unterbrach.
„Zeig mir deine Hände, dann können wir reden!“, bellte Jason angespannt zurück.
Alina hob den Kopf langsam, schaute mit ihren erdbraunen Augen tief in seine und atmete auf,
als wäre gerade ein Last von ihr genommen worden. Ihr schwaches Flüstern war
verschwunden, stattdessen antwortete sie mit zuckersüßer Stimme,
„Ich fürchte, das wird nicht möglich sein.“
Jason zielte mit der Speerspitze auf ihre Brust.
„Und wieso nicht?“
„Weil du dich um deinen Freund hier kümmern solltest.“
Sie griff nach der Hand des Mannes, an dessen Seite sie sich Jason genähert hatte und schob
seinen Arm von ihrer Schulter herunter. Der Körper kippte leblos zur Seite und blieb zu ihrer
Linken in einem Bett aus taubedecktem Gras liegen. Wo sie vorher der herab gebeugte Kopf
verdeckt hatte, sah Jason jetzt die klaffende Wunde im Hals, aus der immer noch ein kleiner
Blutstrom trat und die Kleidung mit gerinnendem Blut tränkte.
Und während Jasons schreckgeweiteter Blick für einen Herzschlag auf dem Toten ruhte, nutzte
Alina die Zeit, um mit einer fließenden Bewegung um den Speer herum zu tanzen und ihren
Dolch tief in seinen Hals zu graben.
„Gute Nacht und danke fürs Erinnern.“, hauchte sie dem Sterbenden ins Ohr, bevor sie ihre
Klinge aus ihm heraus zog und sich ein paar Handschuhe überstreifte. Das letzte, was Jason sah,
war die Narbe in Form einer Faust, die unter dem Leder verschwand . Dann spie er mit einem
Schwall Blut seinen letzten Atem aus.

Syrios' schwarze Stute riss ruckartig die harten Grasbüschel aus.
Gleich darauf hörte man, wie die Zähne mit kreisenden Bewegungen das Grünzeug zermalmten. Er selbst kaute zwar an einem harten Brot herum, konzentrierte sich aber auf das, was er sah. Schon vor mehr als einem Jahr hatte er das Fernrohr erbeutet und mittlerweile war es für ihn mehr wert, als sein Langmesser. Er hatte nie diese fast schon verträumte Leidenschaft entwickelt, mit denen einige seiner Männer ihre Waffen schärften, säuberten und auf Hochglanz polierten, während sich gleichzeitig die feinkörnige Erde der tersischen Halbinsel unnachgiebig in ihrer Kleidung festhielt.
Er vermutete, dass man die Waffen führen können musste, um sie so zu lieben und das war nun
wirklich nicht seine Stärke. Ragnar und Martus waren Meister darin und Alina konnte mit
jeder noch so kleinen Klinge töten, doch selbst Ranja, die erst vor einem Mond zu ihnen
gestoßen war, hatte es im Zweikampf weiter gebracht, als er im letzten Jahrzehnt.
Trotzdem folgten ihm über zwanzig Männer und Frauen, deren Pferde und vier Hunde, folgten
ihm, kämpften für ihn und starben für ihn. Sie hatten gute Leute verloren, an Kälte und
Krankheit, an Hunger und Erschöpfung und ein Dutzend im Kampf.
Aber sie alle wussten, dass es mehr geworden wären, wenn er sie nicht geführt hätte. Er hatte
sie zusammen gebracht, mit ihnen Pferde und Waffen gestohlen, Nahrung geplündert, sogar
Bauern entführt, um noch mehr zu erpressen. Er hatte sie durch Wälder geführt, mit ihnen
Sturm und Schnee überlebt und von Käfern und Feldmäusen bis hin zu riesigen Wildschweinen
und Bären hatten sie bereits jedes Wildtier von Ters in ihren Kochtöpfen gehabt.
Sie alle waren Ausgestoßene, Münzfälscher, Diebe, Vergewaltiger, Schläger und mit Martus
sogar ein Mörder, doch durch ihn hatten sie nicht nur überlebt, sondern auch eine neue
Bestimmung gefunden.
„Rache.“, zischte Syrios in seine drahtigen, schwarzen Barthaare,
„Ich werde euch brennen sehen, so wie ihr mir euer Zeichen eingebrannt habt.“
Wie sie alle trug er mittlerweile Handschuhe, doch darunter prangte die geballte Faust, das
Wappen von Ters. Es war ein Brandmal, das alle Tore der Allianz für sie verschloss und sie auch
sonst überall als Verbannte kennzeichnete. Es war eine Strafe, die für viele den Tod bedeutete,
denn je weiter man sich von den Städten entfernte, desto zahlreicher wurden die Bestien, die
einen Menschen nicht nur aus Hunger, sondern schon aus reinem Vergnügen die Eingeweide
heraus rissen.
„Und doch sind wir zurück und stärker als je zuvor.“, dachte er und lächelte zufrieden.
Und endlich sah er das Zeichen, auf das er die ganze Zeit gewartet hatte. Alina war auf das
Torhaus gestiegen, hatte sich die dort wehende Fahne gekrallt und schwenkte sie in weit
ausholender Bewegung hin und her. Er selbst hob zur Antwort eine Standarte mit dem
springenden Delfin von Nyrra, trat seinem Pferd in die Flanken und ritt in weitem Kreis über
den Hügel. Das ganze wiederholte er noch zwei Mal, dann wendete er und machte sich auf den
Rückweg.

Alina sprang mit zufriedenem Lächeln die letzten Sprossen des Tortürmchens
hinab. Bis die Reiter ankamen, gab es noch einiges zu tun. Zuerst einmal suchte sie in dem
kleinen Bretterverschlag, in dem die Wachleute ihre Ausrüstung lagerten, die wenigen guten
Waffen zusammen und legte sie mit einem Arm voller Fackeln und einer gut gefüllten Tonflasche mit Lampenöl gut sichtbar vor das Tor. Jasons und Taregs Speere hatte sie sich kurzerhand angeeignet, in der Mitte durchgebrochen und mit ihren Stiefeln tief in die Erde gestampft, um zu verhindern, dass das Tor ohne größere Anstrengung einfach vor ihren Gefährten geschlossen werden konnte.
Anschließend schlenderte sie seelenruhig die ungepflasterte Straße entlang, die einmal von
Norden nach Süden durch Tessen führte und irgendwann, einen knappen Tagesritt entfernt, in Ters endete.
Die Stadt bekommen wir auch noch, aber wir arbeiten uns langsam voran, mit einer Schneise aus Leichen und Asche im Rücken, tröstete sie sich.
Nachdem sie sich ein wenig umgesehen und Vorbereitungen getroffen hatte, stand sie
schließlich vor einem länglichen, zweistöckigen Gebäude, welches sie für ein Lagerhaus hielt, und hinterließ einen Kreis aus weißer Kreide auf dem Haupteingang. Am Ende würden sie alle
Gebäude lichterloh brennen lassen, doch dieses würden sie vorher noch plündern. Es gehörte allerdings eine Prise Glück dazu, dass ihre übereifrigen Mitstreiter sich auch daran hielten.
Syrios tut, was er kann - und er kann so einiges, was ihm auf den ersten Blick niemand zugetraut hätte - aber einem Haufen Abschaum, wie unserem, Disziplin beizubringen, wäre für niemanden eine leichte Aufgabe. Schon gar nicht, wenn für jeden gefallenen Veteranen schon kurze Zeit später ein neuer Grünschnabel mit uns reitet.
"Was tust du da?", bellte eine tiefe, kräftige Stimme hinter ihr und ließ sie herum fahren.
"Ich male dieses triste Lagerhaus an.", entgegnete sie schnippisch, während sie die Kreide in
die linke Hand nahm, um ihre Rechte frei zu haben. Vor ihr stand ein kräftiger Mann in grober,
gesteppter Leinenkleidung, der sie um fast zwei Köpfe überragte. Seine schwieligen Pranken
hielten eine Sense, die das schwache Licht der Morgensonne widerspiegelte.
"Ich kenn' dich nicht", brummte er, unsinnigerweise, während sich die Sehnen in seinem
dicken Unterarm spannten, "was machst du hier?"
"Nun, ich bin auf der Durchreise nach Ters und hatte gehofft, hier die Gastfreundschaft unseres
schönen Landes in Anspruch zu nehmen. Schau, ich kann auch zahlen." Mit diesen Worten
ging sie einen Schritt auf ihr Gegenüber zu, dann noch einen und griff an ihrem Gürtel, wo anständige Leute ihre Geldbeutel trugen, nach dem Heft ihres Dolches.
Mit einem dumpfen Schlag ins Gesicht wurde sie unsanft zu Boden geschickt.
Er ist wohl doch nicht so dumm, wie er aussieht...verdammt!, stellte Alina grimmig fest.
Und während die Sterne vor ihren Augen tanzten und ein stechender Schmerz durch ihre Nase
zuckte, legte sich ein schwerer Stiefel auf ihre Brust und hinderte sie am Aufstehen.
Aber dümmer, als es ihm gut tut.
Mit aller Kraft trieb sie ihren Dolch in seinen muskulösen Unterschenkel und riss ihn, mit aller ihr verfügbaren Kraft, zu sich zurück. Stoff, Haut und Muskeln rissen und die Leinenhose färbte sich rot, bevor der Riese einen Satz zurück machte und die Sense hob. Um Haaresbreite gelang es Alina, sich zur Seite zu rollen, als das todbringende Werkzeug sich neben ihrer Hüfte in die Erde grub. Noch bevor ihr Gegner es heraus ziehen und zum nächsten Schlag ansetzen konnte, war sie vorwärts gesprungen und hatte begonnen, ihm ihre Klinge in wilder Raserei in den Bauch zu stoßen, sie herauszuziehen und wieder zuzustoßen...und wieder und wieder.
"Stirb, stirb, stirb!", schrie sie ihm zu, sah ihn auf die Knie fallen, schickte ihn mit einem Tritt in
die tonnenförmige Brust rücklings zu Boden und versenkte ihren Dolch schließlich knapp
unter seinem Kehlkopf tief zwischen zwei Halswirbeln.
Alina setzte sich neben ihn, atmete ein paar mal tief durch und griff halbherzig nach dem Heft ihrer Waffe, bekam sie aber nicht heraus gezogen.
"Woah, du bist der erste seit Jahren, der mir so einen Schlag verpasst hat. Erzähl deinen Ahnen
davon, du Riesenklotz.", lobte sie den Leichnahm. Dann spuckte sie ein Gemisch aus Speichel und Blut auf seine riesigen Schuhe.
Sie rieb sich die Nase, stellte aber sofort fest, dass der Schmerz dadurch nur schlimmer wurde,
legte dann beide Hände um den Dolch und zog ihn langsam aus dem massigen Körper heraus.
"Lass das sein.", befahl eine Stimme, doch als sie diesmal aufschaute, blickte sie direkt in das
metallisch funkelnde Antlitz eines Armbrustbolzens und seufzte.
"Arajel, bind' sie fest.", befahl eine Stimme, die zu einem alten Mann gehören musste.
Aber sie hatte nicht vor, ihm in die Augen zu blicken und sich zu vergewissern.
Stattdessen zog sie scharf die Luft ein und murmelte immer wieder, „Verflucht!“
Syrios hasste das Wappen von Ters und jeden, der es trug; die Stadt, die Dörfer
und jeden, der diesem Volk von aufgeblasenen Halsabschneidern die Treue schwor. Aber er
liebte die Halbinsel. Er liebte das reiche Grasland, dessen harte Halme ihre Pferde nährten, die sanften Hügel, über die sie täglich galoppierten und die Wälder aus Oliven und anderem knorrigen Gehölz, welches sich im mal trockenen, mal nasskalten Wind bog und gerade so groß wurde, dass man sie für einen Hinterhalt nutzen konnte.
Hier an der Küste wurden die Hügel jedoch seltener und flacher und die spärliche Vegetation hatte seinen Trupp gezwungen, größeren Abstand zu halten als sonst, doch Syrios konnte die bebenden Muskeln seiner Stute unter sich spüren und fühlte sich gut. Mit jedem in seinen Ohren hämmernden Herzschlag und jedem lautlosen Auftreffen der unbeschlagenen Hufe auf dem weichen Boden, trug das Tier ihn näher an sein Ziel.
Seine Leute folgten ihm auf den Fersen, doch kurz, bevor sie die Palisade erreichten, spannte er
die Zügel leicht und ließ sein Gefolge zu beiden Seiten überholen. Je zwei von ihnen umrundeten Tessens Ost- und Westseite und würden am Südtor sicherstellen, dass niemand entkam. Der Rest stürmte direkt durch das weit offene Nordtor, um das Werk des Tages zu beginnen.
Allmählich hörte man immer mehr Hähne krähen und das Gackern der Hühner, für die Tessen bekannt war, wurde lauter. Das Dorf wurde wach und jetzt galt es, keine Zeit mehr zu verlieren. Nur Syrios, Thrak und Grenn saßen ab, um Fackeln und Lampenöl in ihre Satteltaschen zu packen. Die beiden waren bereits wieder auf ihren Pferden, während er sich und seiner Stute noch die daneben liegenden Waffen der Wache, drei schartige Säbel, einen Kurzbogen und zwei Köcher mit Pfeilen, welche offensichtlich nicht von einem Fachmann befiedert worden waren, umschnallte.
Bis er wieder aufsaß und seinem wilden Haufen folgte, erfüllte bereits das Schreien erschlagener Dorfbewohner, das wütende Bellen von Hunden und das Fauchen von hungrigen Flammen die Morgenluft. Kühl war diese bereits kaum noch, denn das brennende Öl war zu beiden Seiten an die nächstbesten Hauswände geworfen worden, wo das Feuer sich in rasanter Geschwindigkeit am alten, morschen Holz empor fraß. Syrios nahm den gerade gefundenen Bogen, zog einen der einfachen Pfeile mit Feuersteinspitze heraus und spannte seelenruhig die Sehne. Freudlos zog er seine Mundwinkel zu einem Lächeln herauf.
Drei...zwei...eins..., zählte er in Gedanken.
Er wartete und schaute zu beiden Seiten auf die Haustüren...
Ein Halb, ein Viertel...,und schoss der Bäuerin, die hustend heraus stürmte und sich verwirrt
und angsterfüllt umsah, den ersten Pfeil in den Oberschenkel.
"Drei Meter und ich treffe nicht einmal eine fette tersische Bauersfrau.", schimpfte er in seinen
Bart, spuckte auf die Straße und legte den nächsten Pfeil ein, während ihre Augen sich mit
Tränen füllten und ihn flehend anstarrten.
"Was haben wir euch...?", kreischte sie, doch der nächste Schuss traf glücklicherweise besser,
brach zwischen ihren Rippen hindurch und durchbohrte die Lunge, wodurch ihre nächsten
Worte in Röcheln und Gurgeln untergingen. Ihr Mann folgte kurz darauf, schreiend und mit
brennender Kleidung, doch verstummte er, sobald Syrios auf ihn zu ritt und ihm sein Langmesser in den Schädel schmetterte. Man musste nicht unbedingt kämpfen können, oft reichte es schon, auf dem höheren Ross zu sitzen.

Murat fuhr sich mit den Fingern durch sein ergrauendes Haar und dankte dem
Schicksal wie jeden Tag dafür, dass er das noch konnte. Er hatte sich gut gehalten, wenn man
bedachte, dass all seine früheren Waffenbrüder mittlerweile unter der Erde lagen. Arajel und
Rhonin waren gute Jungs, aber eben auch nicht mehr. Sie hatten ein paar Bären erledigt und
ein paar Bauern eingeschüchtert, die ihre Abgaben nicht zahlen wollten und hielten sich für
Soldaten. Rhonin konnte gut mit seinem Speer umgehen und Arajel schoss mit der Armbrust
fast so gut wie Murat selbst, allerdings auch erst, seit dessen Sehschärfe nachgelassen hatte. Und
keiner von beiden hatte je eine wirkliche Schlacht gesehen. Aber wenn es stimmte, was das
störrische Weib ihm erzählte, würden sie gleich einen Vorgeschmack bekommen.
"Schneid' mich sofort los, du alter Sack, dann darfst du vielleicht schnell sterben, wenn du auf
deinen alten Knien darum bettelst!", spie Alina ihm entgegen, während sie an den Stricken riss
und sich daran die Arme blutig scheuerte.
"Beruhige dich, dann müssen wir dich nicht knebeln, bevor wir eine Bleibe für dich finden.",
entgegnete Murat gelangweilt. Sie hatten sie geschnappt, neben der Leiche eines großen Bauers,
gefesselt und vor dem Gasthaus an einen der Pflöcke gebunden, die sonst den Pferden
vorbehalten waren. Tessen war ein kleines, friedliches Dorf, in dem für gewöhnlich keine
Sträflinge verwahrt wurden. Verbrecher wurden entweder ausgepeitscht oder verbannt, doch
Alina trug bereits das Brandzeichen. Sie würden sie wohl mit nach Ters nehmen, wo man über
ihr Schicksal zu entscheiden hatte.
"Für gewöhnlich ersäufen sie Abschaum wie dich. Die Weichlinge in Ters scheinen kein Blut
sehen zu wollen. Das tut mir fast schon Leid für dich, in Nyrra würde vielleicht eine scharfe
Axt auf dich warten."
"Sie kommen näher. Was wollen wir tun?", fragte Rhonin mit nervöser Stimme. Er hatte schon
alle paar Herzschläge nach Norden geschaut, seit der erste Rauch dort aufgestiegen war und
seinen Speer samt Langschild aus seinem Nachtquartier geholt.
"Wir verhandeln. Wenn die Ratte hier die Wahrheit sagt, werden sie sie haben wollen.",
antwortete Murat, während er seine Armbrust mit den Füßen auf dem Boden fest klemmte und mit geübter Handbewegung den Bolzen einspannte. Das Zuggewicht ließ seine Wirbelsäule ächzen und wieder schoss ihm durch den Kopf, dass er langsam aber sicher in seine Heimat zurück kehren, sich das Geschwätz seiner fett gewordenen Frau anhören und auf Kosten seiner Gilde leben sollte.
Stattdessen hatte er die Dorfbewohner angewiesen, sich zu bewaffnen und auf dem
Marktplatz zu versammeln. Anscheinend hatte das Miststück, das er eingefangen hatte, es
vorher noch fertig gebracht, das Schloss der Waffenkammer zu blockieren und nun hatten sich
dort drei Männer mit Äxten versammelt, die versuchten, durch die Tür zu brechen, während
die meisten anderen panisch in ihren Häusern verschwunden waren, um sich mit Sensen,
Mistgabel und Dreschflegeln zu bewaffnen...oder sich einfach einzuschließen. Die Schreie derer, die den Fehler in ihrem Vorgehen erkannten und in ihren Häusern verbrannten oder von wem auch immer überrannt wurden, kamen näher und sorgten für weitere Panik.
Dort, wo die Straße breiter wurde und auf den kleinen Marktplatz führte, hatte sich eine kleine
Schar mit improvisierten Waffen aufgestellt und begonnen, Steine auf den ersten der
heran preschenden Reiter zu werfen. Dieser blieb unbeirrt in vollem Galopp, steuerte sein Pferd nur mit den Beinen und zündete mit den Händen einen Feuerkrug an, den er in die Menge schleuderte. Die Verteidiger stoben auseinander, manche fliehend, manche bereits brennend, und wurden von immer mehr Reitern mühelos nieder gemäht.
"Hey! Hey! Du, der gleich einen Bolzen zwischen seinen Rippen hat, wenn er mir nicht zuhört!
Ja, genau du!", rief Murat ihnen zu, während seine und Arajels Armbrust auf den vordersten der Reiter und mehrere Bögen auf ihn selbst und seine Jungs zielten.
"Ich hab' hier was, das euch gehört.", fügte er, auf Alina zeigend, hinzu.
"Schön, bind' sie los.", antwortete Grenn, während er sein Pferd in schnellem Schritt auf die
drei zusteuerte.
"Und was dann? Jagt ihr Lumpengesindel uns einen Pfeil in den Rücken?"
"Schon möglich. Aber wenn du es nicht tust, schießen wir gleich."
Drei weitere Reiter flankierten Grenn mit gespannten Bögen, während die anderen im
Hintergrund unbarmherzig die Dorfbewohner jagten.
"Wir auch. Und glaub mir, nyrrische Armbrüste tun weh."
"Ich schieß' euch den Schädel weg!", stimmte Arajel mit zittriger Stimme zu.
Syrios selbst trabte heran, ebenfalls mit gespannter Sehne und grimmigem Lächeln. Er hatte nur
die letzten Sätze mitgehört, konnte sich aber denken, worum es ging.
"Wir beide kämpfen für Nyrra, meine Freunde. Der Delfin auf euren Kleidern ist ja kaum zu
übersehen. Ich würde euch ja gerne unsere Flagge zeigen, habe aber leider keine Hand frei.
Also kommt schon, schneidet Alinas Stricke los und wir gehen beide unserer Wege."
Murat jedenfalls entschloss sich kurzerhand, Syrios als Anführer der Bande anzusehen und ab jetzt auf ihn zu zielen.
"Ihr geht. Von mir aus, nehmt sie mit. Aber lasst das Dorf in Ruhe, Nyrra und Ters sind nicht
im Krieg."
"Ohhh, guter Mann," antwortete Syrios mit versteinerter Mine, während seine Augen der
Armbrust folgten und ihm der Schweiß ausbrach, "genau daran arbeiten wir noch."
Murat knirschte kaum merklich mit den Zähnen, als er einsah, dass er das Dorf wohl nicht würde retten können. Tessen bedeutete ihm erheblich weniger als seine eigene alte Haut. Und für die bestand noch Hoffnung.
"Na schön. Ihr lasst uns ziehen, wir nehmen sie mit und ihr könnt sie auf der Seestraße
aufsammeln, sobald wir außer Sichtweite sind."
"Hmm", brummte Syrios, strich sich durch den Bart und ließ die drei ein paar Sekunden
schmoren, "Und woher soll ich wissen, dass wir sie wieder sehen?"
Murat lächelte trotz allem und zeigte auf die Pferde, die neben Alina angebunden waren.
"Wir haben nur drei Pferde. Meins ist alt, Arajels ein Ackergaul und Rhonins kommt gerade so
mit seinem Gewicht zurecht. Wenn ich lüge, könnt ihr uns bis zum Mittag am nächstbesten
Baum aufhängen. Aber mein Leben ist mir mehr wert, als euer kleiner Krieg."
Im Dorf verstummten allmählich die Schreie und das Fauchen und Knistern der Feuer bestimmten die verstörende Geräuschkulisse, unterbrochen von dem Krachen, wenn eines der Dächer einstürzte.
"Und ehrlich gesagt. Ich mag Ters auch nicht besonders und da ich den nächsten Krieg vor meinem Kaminfeuer verbringen werde, was schert es mich?"
"Ich nehm' dich beim Wort, alter Mann. Bögen runter!", befahl Syrios und ließ auch seine eigene Sehne entspannen.



Kapitel 2. Große Pläne


Arellor Santais schlanke, braungebrannte Finger zerfetzten das frische Brot und
tauchten die Stücke in gesüßte Ziegenmilch. Das Frühstück war in Altavoz meist die einzige
Mahlzeit, die nicht hauptsächlich aus Fisch oder Muscheln bestand und so gern er es genossen
hätte, fehlte ihm heute die Zeit.
"Mein Herr, die 'Morgenstern' hat Anker gelegt.", waren Luins Worte, die ihn noch vor der
ersten Morgenröte aus dem ohnehin unruhigen Schlaf gerissen hatten. Er hatte sich eine kurze
Dusche gegönnt, ohne das Wasser vorheizen zu lassen, wodurch er zitternd, aber sauber und
hellwach in seine lilanen Roben und das goldgelbe Obergewand schlüpfen konnte. Auch mit
seinen nur 36 Jahren ließen ihn die edlen Gewänder und der dauernde Schlafmangel wie ein
alter Mann wirken, ohne dass sein schulterlanges, braunes Haar oder der gesunde, kräftige
Körper daran etwas ändern konnten.
Er war bereits wieder auf den Beinen, als er die letzten Brocken in sich hinein stopfte und eine
seiner Dienerinnen begann, das Geschirr abzuräumen. Das Haus der Santais war selbst für die
Maßstäbe von Altavoz prächtig, groß und leuchtete in einem helleren weiß als die meisten,
doch trotz allem lebte er in letzter Zeit nicht besser als ein einfacher Tagelöhner. Er arbeitete
viel, schlief wenig und aß nur das Nötigste. Der einzige Unterschied war, dass er gut gekleidet
sein Haus verließ und keine Werkzeuge in Händen hielt, sondern sich von Luin
Pergamentrollen, Siegelwachs und Tintenstifte tragen ließ.
Seine schwarzen Lederschuhe klackten auf dem Boden aus poliertem Marmor, den einer seiner
Vorfahren, welche zu beiden Seiten von Wandgemälden blickten, für ein Vermögen als
Fundament des Familiensitzes erstanden hatte.
Und wenn es so weiter geht, bin ich der letzte meiner Blutlinie, der diese Halle
durchschreitet.
Die majestätischen Säulen, die goldbeschlagenen Treppengeländer, die Gravuren in den
Wänden der Halle, die Szenen des Meeres zeigten, von bauchigen Handelsgaleeren über
schlanke Kriegsschiffe und Walfänger bis hin zu zahn- horn- und krallenbewehrten
Seeungeheuern, nichts davon würde je eines seiner Kinder zu Gesicht bekommen. Keine
kleinen Hände würden die Linien entlang fahren, die 'Alenora', das erste Handelsschiff, das
seine Familie besessen hatte, zeigten, 'Grindras Speer', das Flaggschiff der ersten Kriegsflotte
von Altavoz, das den Befreiungsschlag gegen Nyrra geführt hatte, oder den großen schwarzen
Wal, für den manche Fischer jeden Morgen einen Laib Salzbrot ins Meer warfen und beteten,
dass er sie nicht holte.
So viele Geschichten und niemand, der sie hören wird.
Luin öffnete vor ihm das massive Tor aus schwerer, alter Eiche und geleitete ihn ins Freie.
Der Vorplatz war ebenfalls mit Marmor gepflastert gewesen, doch die Abnutzungsspuren vieler
Generationen wurden mit der Zeit nur noch lieblos mit Mörtel überdeckt, sodass man heute
unter einer spröden weißen Schicht nur noch feine Linien als Erinnerung an das teure Gestein
hatte. Auch der gewaltige, kreisrunde Brunnen war von Rissen durchzogen und die
springenden Bronzefische verfärbten sich grünlich und spien kein Wasser mehr.
Sie umrundeten das traurige Gebilde und hörten das unwillige Schnauben von vier Pferden, die
wohl genauso müde waren, wie sie selbst. Auch Marillion schaute grimmig drein, während
Asharas Mine ein schwaches Lächeln trug. Die Pferde glichen sich wie ein Ei dem anderen,
zumindest, wenn man vom Festland kam und sich mit den kleinen, kräftigen, dunkelbraunen
Reittieren der Inselbewohner nicht auskannte. Sie waren nicht so schnell und temperamentvoll
wie die heißblütigen Tiere aus Nyrra, dafür aber ausdauernd, robust und intelligent. Die
Gestüte der Insel hatten sich allerdings auch nie der Zucht von Schlachtrössern verschrieben,
sondern bildeten Reit- und Lastpferde aus, die sowohl in der gigantischen Stadt, als auch auf
den Steilküsten im Osten und Süden der Insel sicher ihren Weg fanden.
"Gehen wir, bevor unser Kapitän zu viel darüber nachdenkt, was wir von ihm verlangen."
"Ahi, Herr Santai!", Ashara nickte und klopfte mit dem Stiel ihrer Glefe zwei Mal auf den
Boden.
Ein Ausruf der Loyalität und Kampfbereitschaft unter altavischen Kriegern. Schön, dass sich noch jemand an diese Zeiten erinnert. Wir werden sie bald wieder aufleben lassen.
Mit einem kräftigen Schwung saß Arellor auf sein Pferd und packte die Zügel.

Sturmbrecher trug seinen Namen schon so lange und mit solchem Stolz, dass
sowohl er selbst, als auch seine Mannschaft, sich nicht mehr an den Namen erinnern wollten,
den ihm seine Mutter einst verliehen hatte. Dazwischen lagen einfach zu viele Jahre und noch
viel mehr Stürme, durch die die 'Morgenstern' und vor ihr die 'Callista' gefahren waren.
Seine Leute wurden nicht müde, zu prahlen, dass durch die Venen ihres Kapitäns Salzwasser
statt Blut floss. Doch wenn ihn nicht alles täuschte, war der teure Wein aus Karion, der Stadt in
den Hügelländern hinter Nyrra, letzte Nacht an dessen Stelle getreten. Die guten Tropfen
waren für Altavoz bestimmt, doch als sie gestern Nacht endlich heil im Hafen angelegt hatten,
wurde einstimmig beschlossen, zumindest ein Fass auf seine Güte zu prüfen. Ihm schwirrte
immer noch der Schädel, weshalb sein erster Weg an diesem Morgen zur Reling führte, um die
frische, salzige Seeluft einzuatmen.
Aber seine Lungen füllten sich auch mit den Gerüchen von Altavoz, der weißen Stadt, dem
Juwel des Südmeers. Sie roch nicht wie andere überfüllte Großstädte, nach Menschen, Pferden,
Hunden und anderem Getier. Sie roch nicht nach Schweiß, Urin und Abfällen. Nicht einmal
das stolze Nyrra war so sauber und geordnet wie Altavoz. Es gab keine überirdischen oder
schlampig verlegten Kanäle, stattdessen ein fortschrittliches Netzwerk aus Wasserleitungen,
durch die Meerwasser zum Waschen und Putzen in die Häuser geleitet und Abwasser in große
Sammelbecken geleitet wurde, aus denen schließlich die spärlichen Anbauflächen der Insel
gedüngt wurden. Nur Süßwasser war hier knapp und nur aus Brunnen zu bekommen, welche
größtenteils künstlich befüllt wurden.
Es war eine Stadt voll Prunk und Reichtum, voll Wissen und riesigen Bibliotheken, in denen es
für die Ewigkeit bewahrt werden sollte, voll Parfüm und beißendem Alkohol.
Die Stadt hatte fähige Forscher hervorgebracht, geniale Architekten, wohlhabende Händler,
tollkühne Seefahrer, harte Soldaten und talentierte Ärzte, die deren Wunden wieder zusammen
flickten. Und doch hatten sie erst die Allianz gebraucht, um sich nach jahrelanger
Unterwürfigkeit wieder aus den Klauen Nyrras zu befreien. Altavoz war eine starke Stadt, aber
so friedliebend, dass es manchmal weh tat. Selbst die alten Katapulttürme, die am Hafen
errichtet wurden, um feindliche Flotten zu versenken, waren entweder zerstört und nicht mehr
aufgebaut worden oder einfach im Laufe der Zeit verfallen.
Der Beton aus weißem Sand und Kalkstein, den die Stadt aus dem großen Grenzgebirge erhielt,
machte die Schönheit der schimmernden Perle des Meeres aus, verfiel aber durch Stürme und
die feuchte, salzige Luft immer weiter und machte es notwendig, die Gebäude immer wieder
instand zu setzen. Die lange Friedenszeit hatte daher die große innere Stadtmauer
zusammenfallen lassen und teilweise einfach weg gewaschen, während die äußere sich über die
halbe Insel erstreckte und die Landbezirke vor wilden Tieren schützte.
"Käpt'n, wann wollen wir abladen?", fragte Karonn und zwang Sturmbrecher, seine grauen
Augen wieder auf die Wirklichkeit zu richten.
"Fangt an, ich erwarte noch einen anderen Gast.", brummte der alte Seebär zurück, während er
sich auf die Treppe hinab zum Kai begeben wollte.
"Wir hatten doch besprochen, welche Bedenken ich in dieser Angelegenheit habe?"
Ohh ja, das haben wir. Von Steingart über Nyrra, Arriz, Kandrir bis Ters und hierher.
Nichtmal der verfluchte Sturm hat dich davon abgehalten. Und der karinische Wein hat es nur
schlimmer gemacht.
"Karonn", sagte er stattdessen, mit der geduldigen Stimme, mit der ihm seine Mutter erklärt
hätte, dass man einer Krabbe nicht zwischen die Scheren fasst, "Ich werde mit ihm reden,
werde mir anhören, was er von uns wollen könnte und wenn es sich lohnt, werden wir
annehmen und ansonsten nicht. So haben wir es immer getan und so tun wir es auch diesmal.
Wo liegt das Problem?"
"Er hat einen schlechten Ruf. Und er ist nicht einmal ein wirklicher Händler. Was immer er bietet, wir sollten zusehen, dass wir nicht in etwas rein geraten, das wir bereuen werden."
Sturmbrecher seufzte.
"Nur weil wir mittlerweile Wein und Eisen im Lagerraum haben, sind wir noch lange kein
Handelsschiff. Du solltest das genauso gut wissen, wie ich, mein lieber Karonn. Und nach allem,
was ich über Arellor gehört habe, könnte er derjenige sein, der uns alle wieder daran erinnert."
Das waren seine letzten Worte, bevor er hinab stieg.

Arellors Leibwächter flankierten ihn und Luin und bekamen verärgerte Worte
zu hören, wenn sich eine größere Gruppe von Menschen ihretwegen an den Rand der
gepflasterten, aber schmalen Straßen drängen mussten. Früher wären sie vor unsereinem auf
die Knie gefallen. dachte er zähneknirschend. Er sehnte sich nicht so sehr in diese Zeiten
zurück, wie es andere edle Häuser taten, doch das völlige Fehlen von Respekt zermürbte ihn.
"Macht Platz für den Herrn von Santai!", verkündete Ashara zum wiederholten Male. Ob es
ihre kräftige Stimme war oder der blitzende Stahl ihrer Glefe, die Gruppe von Handwerkern
wich ihnen aus, aber nicht, ohne ihnen ein paar spöttische Blicke zuzuwerfen.
Altavoz war eine Stadt wie ein Ameisennest. Immer gab es etwas neues zu bauen oder etwas altes instand zu setzen. Schon vor dem ersten Sonnenlicht strömten die Bibliothekare und Techniker zur Großen Bibliothek, während die Kaufleute zum Hafen eilten, um sich mit neuen Waren einzudecken, mit denen die Geschäfte beliefert wurden. Von Stoffen aus Steingart, Holz und Kohle aus Bronmarr, Eisen aus Nyrra, Wein aus Karion, Getreide von den Feldern um
Nisselburg und Kalk aus Seefeld wurde von allem nur das Beste heran geschafft. Zurück
brachten sie Kleidung in schillernden Farben, Arzneien und Kräutertränke für alle
erdenklichen Anwendungen, chirurgische Werkzeuge und Vergrößerungsgläser, Uhrwerke
und Dampfmaschinen, und natürlich Schießpulver. Wir geben der Welt das zurück, was sie
schon einmal zerstört hat, sofern man den Legenden glauben darf.
Marillion selbst hatte eines der berüchtigten Schießrohre auf dem Rücken hängen, was in
Altavoz allerdings keine Seltenheit war. Während Nyrra größtenteils auf Armbrüste setzte und
Ters weiterhin bei Bögen blieb, waren die meisten Schützen der Insel, ob Stadtwachen,
Leibgarden oder Seemänner, mit den Rohren bewaffnet.
"Der Herr von Santai will passieren!", tönte Ashara wieder, als ihnen ein beißender Geruch aus
dem Färberviertel in die Nasen wehte. Die mit bunten Tüchern behangenen Gebäude lagen
weit abseits der Innenstadt, doch wenn der Wind zu kräftig blies, tränten ganz Altavoz die
Augen.
Als sie endlich aus der kleinen Seitenstraße auf die breitere Hafenzufahrt einbogen, mussten sie
sich in eine Kolonne von Fuhrwerken einreihen, die das gleiche Ziel hatte. Auf der anderen
Straßenseite drängten sich Kolonnen bunt bekleideter Menschen und auch einige Pferde
trotteten in beiden Richtungen an ihnen vorbei, doch konnte er nicht das Risiko eingehen, in
der Masse von seinen Wachen getrennt zu werden.
Ich habe mir hier Feinde gemacht, einflussreiche Feinde, und sie warten nur auf einen
solchen Moment.
Also sahen sie zu, wie die Räder sich langsam zum Hafenplatz bewegten und folgten
ungeduldig. Zu beiden Straßenseiten ragten hier mächtige Gebäude auf. Zur Rechten konnte
man das Haus der Sinjarin sehen, ein Gebäude aus ehemals poliertem Granit, das im Laufe der
Zeit seine Schönheit eingebüßt, aber nie ganz verloren hatte. Es war eine kleine Festung
inmitten des Hafenviertels und besaß sogar einen Turm, der noch weiter hinauf reichte. Über
der Turmkrone wehte unter der Flagge von Altavoz, den zwei lilanen Karos auf Goldgrund,
noch eine kleinere, ebenfalls in Gold, aber mit drei hellgrünen, gekreuzten Entermessern. Man
sagte, die Sinjarin hätten nach dem ersten Sieg über Nyrra nie die Waffen an die Wand
gehängt, sondern Schiffe aller Herkunft gekapert und ihren Reichtum auf dem Verkauf von
Plündergut und dem Kassieren von Lösegeldern, was natürlich über Mittelsmänner geschehen
war, aufgebaut. Wenn davon nur die Hälfte stimmt und der Funke von Kampfeswillen in
diesem Haus noch nicht erloschen ist, muss ich sie auf jeden Fall als Verbündete gewinnen.
Dass sie noch gute Schiffe in ihren Diensten haben, ist zumindest kein Geheimnis.
Arellor gähnte und ließ nachdenklich die Gedanken schweifen, während sein Pferd
selbstständig den Weg fand und sie allmählich die Masten der ersten Schiffe erspähen konnten.
Es ist, als würde ich seit Monaten auf einer Rasierklinge tanzen. Ich muss das Gleichgewicht
halten zwischen Leben und Erfolg und wenn ich mich zu weit in eine Richtung lehne, könnte
ich beides verlieren. Ich kann alleine nicht auf einen Sieg hoffen, aber mit jedem, den ich in
meine Pläne einweihe, steigt das Risiko. Die Turmonds haben höflich abgelehnt, Jarasin, der
Tuchhändler, hat mich aus seinem Haus geworfen und als Wahnsinnigen beschimpft...und
sowohl die Montrajin, als auch die Hälfte der Eisenhändler will mich entweder in Ketten sehen
oder mit aufgeschlitzter Kehle in irgendeinem Abwasserkanal verschwinden lassen. Und
letztere waren genau die, von denen ich mir die größte Unterstützung erhofft hatte.
"Endlich!", murrte Marillion mit rauer Stimme, als die Straße sich endlich weitete und sie an
dem Pferdewagen vorbei auf den Hafenplatz gelangten.

Thraks Augen leuchteten. Nicht nur vor Freude, auch durch das Feuer, das sich
in ihnen spiegelte.
"Lasst ihnen nichts als Tod und Asche."
Die Worte klangen süß in seinen Ohren wieder.
"Tod und Asche, Tod und Asche, Tod und Asche für Ters.", summte er vor sich hin, während er
den Heuballen durch das Scheunentor trug. Tessen züchtete fast nur Hühner und bis auf eine
Hand voll Arbeitspferde versorgte der magere Vorrat an Heu sonst lediglich die Tiere der
Durchreisenden.
"Drei Ballen bekommen unsere Pferde.", legte er mit Bedauern fest. Während ihre Gefährten
noch dabei waren, die Straßen und Hütten nach Dorfbewohnern zu durchkämmen, hatten er
und drei Helfer begonnen, Brennstoff herbei zu schaffen. Während er begann, das letzte Heu
auf die nächstbesten Häuser zu verteilen, hörte er, wie die anderen mit Äxten zu Werke gingen
und eine Hauswand einrissen, um an Holzsplitter und Balken zu kommen.
Jedes dumme Weib kann beim Kochen ein Haus abfackeln, aber man glaubt nicht, wie viel
Arbeit es macht, auch nur ein kleines Dorf einzuäschern.
Das Lampenöl war gut, um ein paar Bauern aufzuscheuchen und für die kopflose Panik zu
sorgen, durch welche die Ausgestoßenen erst gegen die zahlenmäßig überlegenen Dorfbewohner ankamen, aber sie hätten bei Weitem nicht genug gehabt, um damit jede der winzigen Hütten in Brand zu setzten, zwischen denen kleine Gässchen und Gärten angelegt waren und verhinderten, dass die Flammen sich weit ausbreiten konnten.
In den mittlerweile leeren Gebäuden hatten sie weitere Öllämpchen, Kerzenwachs und Fackeln gefunden, aber um Syrios Ansprüchen gerecht zu werden, schichteten sie systematisch Heu, Holzsplitter, und zunehmend größere Holzstücke auf und hackten und brachen Risse in die Hauswände, um dem Feuer mehr Angriffsfläche zu bieten.
"Wenn sie uns schließlich fangen, sollen sie es sein, denen es Leid tut. Sie sollen auf
verbrannte Erde blicken und wissen, dass sie ihr Volk ermordeten, indem sie uns zum
Sterben in die Wildnis geschickt haben. Und in ein paar Jahren soll hier Gras wachsen und
nichts mehr daran erinnern, dass hier Menschen lebten, als ein paar verkohlte Gerippe."
Thrak konnte sich noch erinnern, wie Syrios diese Worte ausgespuckt hatte. Damals waren sie
noch zu fünft gewesen, nachdem zwei von ihnen beim Stehlen von Gemüse erwischt und von
Reitern mit Knüppeln niedergeschlagen wurden.
Verbannte tötet man nicht im Kampf, man fängt sie ein, wenn man sie das zweite mal sieht
und hängt sie auf oder ersäuft sie, je nachdem, wo. Wir waren damals im Vorgebirge bei Brinda, sie werden an irgend einem Baum hochgezogen worden sein.
Er war auf der Lichtung auf und ab gegangen, vor Wut so sehr schäumend, dass seine drahtigen
Barthaare vor Sabber tropften. Syrios war für gewöhnlich kalt und selbstbeherrscht und ihn so
zu sehen, hatte den vier halb verhungerten Gestalten, die sie damals waren, das Herz in die
ungewaschenen Hosen sinken lassen.
Durch seinen Zorn leben wir bis heute.
Im Gegensatz zu Thrak hatte Syrios nie abgestritten, das getan zu haben, für das man ihn
verbannt hatte, doch das änderte nichts daran, dass sie alle Rache geschworen hatten, für die
Strafe, die ihnen zuteil geworden war.
Und was hatten wir auch für eine Wahl? Nicht nur Ters, auch die gesamte Allianz hätte uns
von ihren Feldern gejagt, die Wälder gehören immernoch den Bestien, nicht einmal der Orden
hätte uns gewollt. Alles was wir hatten, war der Weg zurück, den wir gekommen waren, denn
den kannten wir.
Als er das letzte Heu platziert hatte und sich zu den anderen umdrehte, sah Thrak, wie einer
von ihnen eine Fackel an einen der Haufen hielt und die Flammen erst zögerlich, dann gierig
daran leckten, ihre Zähne in die Hütte schlugen und begannen, sich das Festmahl aus altem,
brüchigem Holz einzuverleiben.
"Hey, ihr wisst genau, dass wir erst anfangen, wenn die Arbeit getan ist!", rief er ihnen ärgerlich
zu.
Wenn er ganz ehrlich war, hatte er das selbst festgelegt. Er liebte das Feuer, er liebte große
Feuer, aber vor allem liebte er perfekte Feuer. Wenn es nach ihm ginge, würden sie jedes Haus
gleichzeitig anzünden, um für wenige Stunden einem einzigen, gewaltigen Inferno
zuzuschauen. Da das nicht möglich war, begnügte er sich damit, das beste aus dem zu machen,
was ihm blieb.
"Hey!", rief eine helle Frauenstimme, die ihn zusammenzucken ließ. Es kam oft genug vor, dass
sich noch jemand in den Häusern verkrochen hatte, die sie für leer gehalten hatten, sich dann
doch ein Herz fasste und den Plünderern ein Küchenmesser zwischen die Schulterblätter
stecken wollte.
Aber es war bloß Ariann. Das Mädchen war mit 22 Jahren fast ein Jahrzehnt jünger als er, aber
einen Kopf größer und schlank wie eine Bohnenranke.
"Ich hab' hier was, das dir gefallen wird!", verkündete sie stolz, während sie in jeder Hand eine
der Tonflaschen trug, in denen sein geliebtes Lampenöl gelagert wurde, "Frühstück gibt es auch
bald, das Lagerhaus ist voll mit gerupften Hühnern."
"Für mich nur das Öl, danke.", antwortete Thrak mit einem breiten Lächeln und streckte
liebevoll seine Hand nach dem rauen, kühlen Flaschenhals aus.

Arellor führte seine Leute über den Hafenplatz, der sich in beide Richtungen
über die gesamte Küste zu erstrecken schien. Durch die günstigen Winde und das reiche
Angebot an Waren zog der Weiße Hafen, wie er liebevoll genannt wurde, jedes Frachtschiff
entlang der Südmeerküste an. Neben den unzähligen kleinen Fischerbooten und einer Hand
voll Küstenschiffen, die sich nie weiter als auf Sichtweite von der Insel entfernten,
beherrschten die prächtigen Vier- und Fünfmaster der Kaufleute, mit ihren oft bunt gefärbten
Segeln und den kunstvoll gearbeiteten Gallionsfiguren, zweifellos den Hafen, doch sie waren keinesfalls alleine.
Die 'Kranejons Zorn' lag weiter draußen vor Anker, an einem Steg, der extra für die gewaltigen
Kreuzer angelegt worden war. Die Segel trugen zwar die Faust von Ters in leuchtendem Blau,
doch für gewöhnlich war Altavoz der Hafen, den die riesigen Schiffe anliefen, um neuen Proviant und vor allem tonnenweise Wasserminen aufzuladen. Jede Stadt, die etwas auf sich hielt, hatte ein oder zwei dieser Giganten in ihrem Dienst, um Seeungeheuer auf ihren wichtigsten Handelsrouten zur Strecke zu bringen. Durch den tief liegenden Rammsporn, dicke
Panzerplatten, einen unter der Wasserlinie mit Stahldornen bewehrten Rumpf und die schwere
Ladung waren sie aber in den meisten Häfen gezwungen, über kleinere Boote beladen zu
werden. Da die meisten Handelsrouten in Altavoz zusammenliefen und die Architekten der Stadt es als „kleine Herausforderung“ angesehen hatten, den Steg bis ins tiefe Gewässer auszubauen, bot sich der Weiße Hafen geradezu an, die Giganten willkommen zu heißen.
"Wo ist unser Schiff?", fragte Arellor, woraufhin Luin seinen Blick noch angestrengter
schweifen ließ.
"Dort, würde ich sagen.", antwortete er schließlich und zeigte auf einen unscheinbaren
Einmaster, einen Steinwurf rechts von ihnen.
Sie hatten jetzt zwar Platz, mussten aber Seeleuten, Kaufleuten, Hafenarbeitern,
Zimmermännern und Köchen, Söldnern, Fischern und Reisenden ausweichen, die zu Fuß und
teilweise mit schweren Taschen und Kisten beladen, mit Eseln, Pferden, Handkarren und
Fuhrwerken schon in den frühen Morgenstunden im Schatten der großen Segelmasten zu
Werke gingen.
"Aus dem Weg, macht Platz für Herrn Arellor vom Hause Santai!", rief Ashara und bahnte
ihnen mit lauter Stimme einen Weg, während Marillion es bevorzugte, still, aber aufmerksam
die Passanten im Auge zu behalten. So unterschiedlich die beiden auch sein mochten, in diesen
Zeiten hätte er auf keinen von ihnen verzichten können.
"Seid gegrüßt an diesem schönen Morgen, Herr Santai!" rief eine raue Seemannskehle ihnen
schon von Weitem zu, näherte sich mit weit ausholenden Schritten und deutete eine
Verbeugung an.
Wundervoll., dachte sich Arellor mit einem sarkastischen Lächeln, Ich stamme aus
einem der edlen Häuser von Altavoz und der erste Mann, der sich verbeugt, ist ein Kapitän vom Festland.
"Seid ebenfalls gegrüßt, wir haben einiges zu besprechen. Würdet Ihr mir die Ehre erweisen,
mich auf euer Schiff zu führen?"

Sturmbrecher nahm den Vorschlag freudig an und führte den „Edlen vom Hause Santai“, seine Leibwächterin und den dürren Diener mit den wässrigen Augen, der den Dreien in dezentem Abstand folgte, den Kai entlang. Den zweiten Wächter beauftragte Santai damit, die vier Pferde wegzuführen, was dieser auch nur schaffte, weil die "Inselponies", wie man sie auf dem Festland nannte, gehorsam nebeneinander trotteten.
Hätte man das Selbe mit vier nyrrischen Jagdpferden versucht, hätten diese innerhalb von Sekunden die Zügel verheddert, sich gegenseitig in die Nase gebissen und wild um sich getreten.
Zu zweit nebeneinander stiegen sie die hölzerne Treppe hinauf, die auf das sanft schaukelnde
Oberdeck führte. Hier warteten bereits einige seiner Männer mit Kisten in den Armen und
mit geröteten Gesichtern darauf, diese auf der Kaimauer abladen zu können.
Santai runzelte die Stirn, als er das sah und schaute sich mit skeptischer Miene um.
"Was für eine Art Schiff ist die 'Morgenstern'? Ich hatte eine Fregatte erwartet, kein
Frachtschiff."
Sturmbrecher begann ausgelassen zu lachen, merkte aber gleich darauf, dass Herr Santai ihn lediglich ungeduldig anschaute.
"Öhm...nunja...um ehrlich zu sein, die Meere sind leider sicherer geworden. Unsere kleine
'Morgenstern' kommt nicht gegen große Seeungeheuer an und seit Nyrra, Arriz, Ters und die
anderen Städte allen Erwartungen zum Trotz angefangen haben, sich an ihre Friedensverträge
zu halten, gibt es auch kaum noch Seeräuber, vor denen die Kaufleute Schutz suchen. Aber ich
muss irgendwie 54 Leute durchfüttern und ein Schiff in Stand halten, also nehmen wir hin und
wieder Reisende mit oder füllen die Lagerräume mit billigem Tuch auf, wenn es sich anbietet.
Oder Wein oder Getreide, je nachdem, zu welchem Hafen es uns treibt."
"Hmm", sehr gut, "Ihr scheint mir ein kluger Mann zu sein.", bemerkte Santai, während sie an
einer Treppe ins Unterdeck vorbei gingen und stattdessen in die Kapitänskabine eintraten.
Er hält uns für verzweifelt. Aber damit könnte er sogar Recht haben.
Miras stand darin alleine und hatte auf einem Brett, das in der Wand festgenagelt war, einen
Stapel Papiere vor sich liegen, die er mit zusammengekniffenen Augen anstarrte und mit
kurzen, schnellen Handbewegugen, Zahlen durchstrich, änderte und abhakte.
"Könnte er uns in Ruhe sprechen lassen?", fragte Santai.
"Ihr habt einen Schreiber und ich einen, das finde ich gerecht. Ihr dürft gerne Platz nehmen."
Der golden bekleidete Mann zögerte einen Moment, setzte sich dann aber doch an die
Tischplatte, die an der anderen Wand befestigt war. Wie sie Sitzbänke war diese an der Wand
befestigt und mit Scharnieren ausgestattet, um bei Bedarf eingeklappt zu werden. Sturmbrecher
nahm ihm gegenüber Platz, Luin und Miras schauten den beiden über die Schultern und Ashara
lehnte sich an die Tür.
Wenn Karonn Recht hat, hätte ich mir vielleicht auch eine Wache bereitstellen sollen,
gings es ihm durch den Kopf. Allerdings war er zuversichtlich, dass es nicht nötig sein würde.
Und selbst wenn, hatte er sein zuverlässiges Entermesser am Gürtel. Auf freier Fläche war die
Wächterin vielleicht die bessere Kämpferin, doch in der engen Kabine würde sie mit ihrer
Glefe. Die immerhin länger war, als sie selbst, erhebliche Schwierigkeiten haben.
Reiß dich zusammen, du wirst dich doch nicht vor einem kleinen Mann fürchten, nur weil
Karonn ein paar Gerüchte über ihn aufgeschnappt hat.
"Also,", begann er das eigentliche Gespräch, "womit kann ich Euch zu Diensten sein?"
Santai schaute belustigt aus, jedenfalls setzte er ein kleines spöttisches Lächeln auf, faltete die
Hände und stützte sein Kinn auf die Fingerspitzen.
"Das kommt ganz darauf an. Ich habe große Pläne und brauche loyale Soldaten, schnelle Schiffe
und gute Männer, die ein Geheimnis bewahren können. Könnt Ihr mir das alles bieten?"
"Ich...", begann der Kapitän unsicher,
Wofür braucht ein Bewohner des angeblich so friedlichen Altavoz eine Kriegsflotte?"ich denke, das ließe sich besser beurteilen, wenn ich wüsste, was denn Eure Absicht ist.
Meine Männer sind gute Seeleute und geübt im Umgang mit Entermesser, Bogen und Schiro, die meisten können auch Katapulte bedienen, falls wir wieder eines auf das Deck stellen würden. Und sie sind so loyal, wie man es von guten Seeleuten eben erwarten kann... -"
"Sie werden also mein Geld dankend annehmen und sich aus dem Staub machen, wenn es
wirklich zur Sache geht? Darf ich das so verstehen?"
"Nein.", antwortete Sturmbrecher und bemühte sich, trotz der Anschuldigung ruhig zu bleiben,
"Meinen Leuten vertraue ich täglich mein Leben an und sie haben mich nie enttäuscht. Seit das
Geschäft schlechter läuft habe ich keinen mehr neu angeheuert und alle, die mit mir fahren,
sind schon durch Sturm und See geprüft worden und haben sich bewährt. So lange sie ihren
Sold bekommen, sind sie so...-"
"Schon gut, schon gut." Santais strahlend blaue Augen waren kalt wie die See. Umso mehr
ärgerte sich der Kapitän darüber, wie unruhig sie ihn werden ließen.
"Ich plane keinen Segelausflug. Ich suche Söldner, die unter allen Umständen ihren Kurs halten und ein riskantes Landeunternehmen durchführen können, von dem es vielleicht kein Zurück gibt. Ich suche Krieger, die mir in die Schlacht folgen und wenn nötig in den Untergang. Seid ihr so einer? Oder wollt ihr lieber weiter Wolle über das Südmeer schippern?"
"Ich...muss darüber nachdenken.", gab der große Sturmbrecher, der sein Gegenüber um einen
Kopf überragte, überraschend kleinlaut zurück.
"Nun", seufzte Santai, während er sich mit traurigem Lächeln erhob, "dann bin ich hier wohl
falsch. Einen schönen Tag noch und sichere Weiterreise."

Alina hasste es, sie hasste es so sehr, ihre Hände nicht benutzen zu können.
Ihre beiden Hände hatten schon so viel Blut vergossen, dass man Fässer damit füllen könnte.
Das letzte mal gefesselt waren sie, als man sie aus Rashga geführt und tief im Wald ausgesetzt
hatte. Sie erinnerte sich daran, wie sie damals vor Tränen den Weg kaum noch gesehen hatte
und immer wieder über ihre eigenen Füße gefallen war, während der Reiter, der ihren Strick
zog, sie unbarmherzig weiter zwang.
Damals hatte sie sich geschworen, dass sie eher sterben würde, als sich jemals wieder von einer
tersischen Wache einen Strick umlegen zu lassen. Aber die Erleichterung darüber, dass die drei
Söldner, die auf der Seestraße aus Tessen führten, keine tersischen Wachen waren, hielt sich im Moment sehr stark in Grenzen.
"Ihr blöden Hundesöhne, Syrios steht zu seinem Wort, ihr könnt mich losbinden!", fauchte sie
ihnen zu, aber wie schon damals, war sie kurz davor, ihr Gleichgewicht zu verlieren, während
sie sich in ihren Fesseln wand.
"Beruhig' dich", antwortete Murat mit sanfter, aber genervter Stimme, "wenn wir dem Wort
eines Verbannten glauben würden, hätten wir uns nicht die Mühe gemacht, dich
mitzunehmen. Sobald wir hinter den Hügeln sind, lassen wir dich laufen."
Sie hätte ihm gerne weiter Beleidigungen an den Kopf geworfen, doch nachdem sie zum
wiederholten Mal stolperte und sich nur knapp davor retten konnte, mit dem Gesicht auf der
Straße zu landen, beschloss sie, es endlich aufzugeben.
"Was habt ihr eigentlich vor? Glaubt ihr, ihr könnt die ganze Halbinsel niederbrennen, ohne
dass eure Köpfe über dem Kamin irgend eines Söldnerhauptmannes landen?", fragte Murat nach
einer Weile.
Sie schaute ihn mit zornfunkelnden Augen an, merkte aber frustrierender weise, dass er ihr
nicht einmal einen kurzen Blick gönnte. Sie wurde zwar schnell wütend, aber dumm war sie
deswegen noch lange nicht. Sie wusste, dass Murat aus Nyrra kam und in Ters das erstbeste
Schiff nehmen würde, um seinen Freunde dort vor dem brandschatzenden Haufen zu warnen,
der unter ihrem Banner durch Ters ritt. Es gab keinen Grund, ihm noch weiter in die Hände zu
spielen.
"Syrios führt uns gut und weiß, was er zu tun hat.", gab sie zurück und damit war die
Unterhaltung beendet.
Sie hatten einige Hügel hinter sich gebracht und die Sonne hatte begonnen, den Tag mit ihren
wohlwollenden Strahlen zu erhellen, als sie endlich Halt machten.
"Zeit, Lebewohl zu sagen."
Murat klang so, als würde er sie tatsächlich Wehmut empfinden, aber sie wusste, dass er sich
über sie lustig machte. Alle drei Söldner saßen ab, aber nur der zwei von ihnen spannten ihre
Armbrüste.
Ihr werdet es nicht wagen!
Alinas Herz setzte für einen Schlag aus, bevor sie bemerkte, dass der dritte, der mit dem Speer, unbewaffnet auf sie zuging und ihre Stricke aufzuschnüren begann.
"Entspann' dich, sonst dauert es nur länger.", hörte sie ihn sagen und versuchte ausnahmsweise,
zu gehorchen.
Erst als die beiden jüngeren wieder auf ihren Pferden saßen, senkte Murat seine Waffe,
entspannte die Sehne und steckte den Bolzen wieder in eine kürzere, ovale Art von Köcher, die
nyrrische Armbrustschützen trugen.
Dann warf er ihr den Dolch vor die Füße, den er ihr in Tessen abgenommen hatte und schwang
sich ebenfalls zurück auf den Pferderücken.
"Ich hoffe für uns beide, dass sich unsere Wege nie wieder kreuzen.", waren seine letzten
Worte, bevor er und seine Kameraden ihren Pferden in die Flanken traten und versuchten,
möglichst schnell Land zu gewinnen.

Karel hatte sich angewöhnt, seine Aufgaben möglichst schon bis zum
Vormittag abgearbeitet zu haben. Morgens war es noch angenehm kühl und es ging leicht von
der Hand. Mittags brannte dann die Sonne unaufhörlich auf die Stadt und verwandelte die
Lehmhäuser in Backöfen.
So lange ihm noch nicht der Schweiß auf das wertvolle Papier tropfte, gönnte sich der
"Schutzherr der Halbinsel, Wächter der Dörfer und Ländereien ", wie sein vollständiger Titel
lautete, keinerlei Ruhepause.
Ters war keine Stadt, die mit der Stärke und Pracht von Nyrra, der Fruchtbarkeit von Karion oder dem Wohlstand von Altavoz konkurrieren konnte, aber die Halbinsel war immerhin groß
genug, um ihn täglich zu beschäftigen. Bis zu den ersten Ausläufern des Gebirges konnte man
die blaue Faust auf lehmbraunem Grund prangen sehen und auf diesem Gebiet galt es, kleine
und große Dörfer, Olivenplantagen und Gestüte, Lehmgruben und Landsitze gegen Mutanten
und Plünderer zu verteidigen.
An diesem Morgen schaute er mit wachsender Resignation auf die Liste mit zu zahlenden
Solden und verglich sie kopfschüttelnd mit denen, die seine Lagerbestände dokumentierten.
Wie fast überall war es auch in Ters Gang und Gebe, Stadtwachen und fest eingestellte
Söldnertruppen nur zu einem kleinen Teil in Münzen zu bezahlen. Den restlichen Lohn
bildeten Unterkünfte, Ausrüstung und Bewaffnung aus dem städtischen Arsenal und deren
kostenlose Instandhaltung, aber auch Nahrungsmittel, Salz und andere Gewürze, Wein und
Tee. Zu diesem Zweck standen Karel mehrere Lagerhäuser zur Verfügung, doch wie jedes Jahr
waren diese so kurz vor der Erntezeit nur noch mit Salz und getrockneten Teekräutern gefüllt.
Jeden Sommer hatte er ein paar Dutzend Mäuler mehr zu stopfen, die jetzt wieder nach Brot,
Oliven und Wein verlangten.
Wir werden wieder zukaufen müssen. Neue Schulden bei den Kaufleuten machen.
Karel beneidete mit jedem Sommer mehr seine Amtsvorgänger, die sich nicht mit solchem
Unsinn herum quälen mussten. Bevor sich Ters der Allianz angeschlossen hatte, wäre niemand
auf die Idee gekommen, von den Kriegern Geld zu verlangen. Als Tarian sein Knie vor Nyrra
beugte, war er noch ein Kriegerkönig gewesen, ein Karag-Ters, wie die Stämme sie genannt hatten.
Damals wurde noch Blut gezahlt und nicht in Glas. Die Kaufleute selbst konnten noch Reiten
und Bögen spannen und sahen es als Ehre an, ihren Wohlstand zum Schutz der Halbinsel
einzusetzen.
Dann wurde Tharosznia die stärkste Stadt der Nordsee-Allianz, die selbst für das
unbezwingbare Nyrra zur Bedrohung wurde. Und die Terser hatten es für klug gehalten, sich
für die Allianz zu entscheiden und ihre Unabhängigkeit von den alten Herren zu verkünden.
Als erst Arriz und schließlich auch Nyrra sich geschlagen geben mussten, hatte sich Ters für
eine Weile eingebildet, einen glorreichen Sieg davon getragen und sich einen Gefallen getan zu
haben. Wenn doch nur...
"Schutzherr Sindrak?", da es in Ters nicht üblich war, innerhalb von Häusern Türen
anzubringen, stand der Bote dort, wo man einfach ein Stück Wand ausgelassen hatte und
blickte ihn aus scheuen Augen an, "ich bringe Botschaft von der Handelsgilde. Sie sagten, es sei
vertraulich zu behandeln und hätte allerhöchste Eile."
"Dann gib schon her.", antwortete Karel und streckte eine Hand über seinen Ebenholztisch,
"was kann es schon sein. Ich habe ihnen gesagt, dass ich nach der Ernte zurück zahle."
"Mein Herr, man sagte mir, dass es sich um den Bericht eines ihrer Karawanenführer handelt,
aber lesen Sie selbst."
Die Botschaft war auf Schilfpapier geschrieben, aufgerollt, mit zwei Lederriemen verschnürt
und mit Siegelwachs und dem Wappen der tersischen Handelsgilde vor fremden Augen
geschützt worden.
Karel entwirrte mit geschickter Hand die Knoten, brach das Siegel und überflog das Schreiben,
wobei sich seine Augen langsam weiteten. Dann laß er es noch einmal, weil er es nicht glaubte.

Syrios hielt sich einen Stofflumpen über Mund und Nase und versuchte vergeblich, nicht zu viel Rauch einzuatmen, während er seinen Leuten auf die Finger schaute. Nachdem sie sicher gegangen waren, dass keine weitere Gegenwehr mehr zu erwarten war, hatte das Plündern begonnen.
Bis die Sonne weit genug südwärts gekrochen war, um den Mittag zu verkünden, hatten sich
vor dem Südtor, durch das die Söldner mit Alina verschwunden waren, bereits ein ganzer
Haufen Gegenstände angesammelt. Mittlerweile war sie wieder zu ihnen gestoßen, mit
schlechterer Laune als üblich, und hatte sich wortlos dem Brandschatzen angeschlossen.
Wir können uns alle glücklich schätzen, wenn sie noch einen Bauern findet, an dem sie ihre
Wut auslassen kann, bevor ihr einer unserer Leute in einer Seitengasse über den Weg läuft und
sie sich zu spät erinnert, auf wessen Seite sie steht.
Syrios hatte Keirin und Hansara, ihre jüngsten Neuzugänge, aufgetragen, die Pferde zu
versorgen und nach und nach sammelten sich immer mehr von ihnen um die hüfthohen
Heuberge, die sie verteilt hatten. Seine Reiter kamen mit vollgepackten Satteltaschen aus
Tessen und bis auf ein paar Ausnahmen gingen sie dann zu Fuß zurück, um weiter zu morden,
zu plündern und Häuser anzustecken. Die Pferde dagegen waren allesamt einfache Reise- und
Arbeitstiere, die sie Bauern und Kaufleuten abgenommen hatten, und brachten ihren
Widerwillen gegen Gemetzel und Feuer auf verschiedenste Weise zum Ausdruck. Die einen
fraßen sich nach dem anstrengenden Morgen einfach nur voll, andere schwitzten stark, zitterten sogar, und schienen für heute allen Appetit verloren zu haben. Manche zogen ihre Reiter mehr aus dem Tor, als dass sie sich führen ließen, und mussten an einem nahen Olivenbaum festgebunden werden, um nicht auszureißen. Und Grenns Stute hatte sich vor einer seiner Brandtöpfe schließlich so sehr erschreckt, dass sie ihn abgeworfen und in wildem Galopp geflohen war. Da sie das Südtor verschlossen gehalten hatten, so lange noch die Gefahr bestand, dass eine größere Gruppe der Dorfbewohner ihr Heil in der Flucht suchen würden, war es nicht schwer gewesen, das verängstigte Tier in die Ecke zu drängen, doch sie hatten sie schließlich zu fünft an hinaus ziehen und festbinden müssen, während es um sich getreten und Grenn mehrfach in den Arm gebissen hatte.
"Keine Münzen!", rief Syrios Ariann zu, als diese mit einem Beutel voller kleiner blauer
Glasmünzen ankam und eine davon entzückt gegen die Sonne hielt, "Wir brauchen sie nie
wieder und sie nehmen nur Platz weg!"
Sie schaute ihn aus ihren blauen Augen an, in denen man Trotz und Tränen sehen konnte,
wobei er letztere dem beißenden Rauch zuschrieb.
"Das kleine Bündel kann ich tragen.", entgegnete sie und hielt es dabei mühelos mit zwei
Fingern hoch.
Syrios ging auf sie zu, entriss es ihr, griff mit spitzen Fingern nach einer der kleinen blauen
Münzen und hielt sie vor ihr rußgeschwärztes Engelsgesicht.
"Siehst du das?", fragte er sie, wobei seine Stimme ein furchterregendes Grollen wurde, "Jede
einzelne ist mit einer Faust geprägt. Falls du dich nicht mehr erinnern kannst, diese Faust
tragen unsere Feinde. Diese Faust weht auf ihren Bannern, sie wandert in die Taschen der
Söldner, die sie nach uns ausschicken werden und sie nähen sie auch auf die Mäntel der
Henker, die unsere Köpfe so lange unter Wasser halten werden, bis wir strampelnd und
zuckend ersaufen, wenn wir anfangen, uns wie kleine Mädchen von glitzernden Münzen
aufhalten zu lassen." Daraufhin warf er das Bündel zurück über die Palisade und wandte sich
von ihr ab.

Nagira Dorniis sah man ihre Herkunft schon von Weitem an. Sie fiel im sonnigen Ters nicht nur durch ihre hellere Haut und ihre fast weißblonden Haare auf, sondern auch durch den Körperbau, der für Seefeld und Nisselburg typisch war. Die meisten Terser waren einen Kopf größer und eine Hand breit schlanker als sie und sowohl sie, als auch ihre Gefährten, wurden in den Dörfern mit großen Augen angeschaut. In Ters selbst war man den Anblick von Fremden durch den Hafen gewöhnt, doch je weiter sie landeinwärts ritten, desto mehr wurde ihnen bewusst, wie weit sie von zu Hause weg waren.
"Denkst du wieder an daheim?", fragte Roskan, der wie so oft ihre Gedanken las.
"Nein.", log sie, doch vergeblich.
"Wir können jederzeit mit dem nächsten Schiff zurück.", erinnerte er sie sanft.
Er war sogar ein wenig kleiner als Nagira und sie war seine Anführerin, doch irgendwie lief es
immer darauf hinaus, dass sie ihm ihr Herz ausschüttete.
"Schluss jetzt.", befahl sie und versuchte, ihrer Stimme Nachdruck zu verleihen, "Ich denke,
keiner von uns will wieder Streife reiten und den Ordensrittern erklären, wo die Grenze
verläuft. Weder Nisselburg noch Seefeld hat uns gebraucht, also bleiben wir und werden ein
wenig braun."
"Wie du meinst.", antwortete Roskan und
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Taladius Goldfaden
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BeitragVerfasst am: Di März 12, 2013 4:26 pm    Titel: Antworten mit Zitat

Anscheinend hat das wohl nicht alles in einen Beitrag gepasst. Da ich aber trotzdem noch den ein oder anderen quälen will...

"Wie du meinst.", antwortete Roskan und hob mit seinen kräftigen Armen den Sattel auf den
Rücken seines Pferdes. Wie auch in Ters waren die Ställe von Nisselburg gefüllt mit schnellen,
ausdauernden Reitpferden, um schnell eingreifen zu können, wenn die Landbezirke in Gefahr
waren. Sie waren groß und schlank, aber muskulöser, als ihre tersischen Verwandten, und ihre
Fellfarben waren schwarz und dunkelgrau, während die Terser auf erd- bis sandfarbenen und
weißen Tieren ritten.
Nagira befehligte eine kleine, unabhängige Söldnergilde, der mittlerweile 32 bewaffnete
Männer und Frauen und zusätzlich eine Feldärztin, ein Schmied, zwei Köche und fünf
Rossknechte angehörten, die notfalls auch einen Speer halten konnten. Ein halbes Dutzend
davon hatte sie in Ters, Arriz, Nyrra und Steingart aufgesammelt, doch der überwiegende Teil
stammte aus Seefeld und Nisselburg und hatte sich bereits um sie geschart, bevor sie
beschlossen hatte, ihr Glück in der weiten Welt zu versuchen. Sie selbst stammte aus einem
kleinen Dorf der Seemark und hatte für ihre Gilde ein Banner weben lassen, das ein steigendes
rotes Ross auf dem wasserblauen Grund von Seefeld zeigte.
Mittlerweile trugen sowohl sie als auch Roskan Niswal und Asilion Harbrandt, ihre beiden
Offiziere, jeweils eine weitere Flagge, um ihr Kommen zu verkünden und Signale zu geben.
"Womit können wir dienen?", fragte sie Karel, den Schutzherren der Halbinsel mit den
strengen Augen und der scharfen Nase in der Form eines Falkenschnabels. Auf sein Geheiß
hatten sie ihre Leute auf dem Kasernenplatz aufmarschieren und ihre Pferde satteln und
panzern lassen, doch bisher hatte sie nicht viel mehr erfahren, als dass es "dringend, sehr
dringend" sei.
"Ihr müsst für mich eine Truppe von ein bis zwei Dutzend plündernden Reitern ausfindig und
unschädlich machen. Laut meinen Quellen sind sie allesamt beritten, bewaffnet und schrecken
vor nichts zurück."
"Wir sollen also wieder ein paar Viehdiebe jagen?", unterbrach Nagira ihn ungeduldig, "Hören
Sie zu, Schutzherr Sindrak, ich will nicht unhöflich erscheinen, aber wir haben nicht die halbe
Südmeerküste hinter uns gebracht, um jetzt ein paar verwahrloste Plünderer zu jagen. Ich habe
über..."
"Über 30 man zu Ross, ich weiß. Und die werden wir auch brauchen. Ich habe heute Nachricht
von einem Olivenhändler erhalten. Die Stadtwachen haben mir mitgeteilt, dass er gestern
Abend vor dem Kranejonstor aufgetaucht ist, auf einem vollkommen erschöpften Pferd und
einem Pfeil im Rücken."
Er gab Nagira einen Augenblick Zeit, um erstaunt zu schauen, bevor er in bedauerndem Tonfall
fortfuhr.
"Es ist nicht sicher, ob er die Nacht überstanden hat, aber wir sind ihm alle zu tiefstem Dank
verpflichtet. Wenn er die Wahrheit sagt, und ich bin gewillt, davon auszugehen, dann war er
mit einer kleinen Karawane unterwegs, um die erste Olivenernte aus den Dörfern im
Landesinneren einzusammeln. Auf dem Rückweg wollten sie der Seestraße folgen, weil diese
am ebensten ist. Jedenfalls kamen sie an zwei völlig abgebrannten Dörfern vorbei und fanden
entlang der Straße mehrere tote Pferde und...auch menschliche Überreste. Sie wussten nicht
was sie sonst tun sollten, mit mehreren Fuhrwerken voll Öl konnten sie nur weiter der Straße
folgen, also taten sie das und hofften das Beste. Von einem Dutzend Händler und noch einmal
so vielen Wachen ist nur er entkommen, mit einem Pfeil unter der Schulter und mehr als
einem Tagesritt vor sich."
Nagira war schockiert und starrte ihn nur an, bis sie den Gedanken ausgeschlossen hatte, dass
das ganze ein Scherz war. Sie kannte Karel schon eine Weile und Humor war ihm fremd.
"Zwei Dörfer...niedergebrannt? Und keiner wusste davon?"
"Sie haben anscheinend sehr gründlich dafür gesorgt, dass es keine Überlebenden gibt und
jeden zur Strecke gebracht, der davon erzählen konnte. Unsere Patrouillen bestehen in ruhigen
Zeiten wie diesen nur selten aus mehr als fünf Mann und wir wissen bisher nicht, wie viele von
ihnen diesen Briganten in die Quere gekommen sind."
Asilion hatte das Gespräch stumm verfolgt, mischte sich jetzt aber mit verständnisloser Mine
ein.
"Wie kann ein Dutzend Reiter zwei Dörfer auslöschen und Kaufleute ermorden, ohne dass sie
jemand aufhält?", er begann, wild zu gestikulieren und seine Faust auf die Handfläche zu
schlagen, "Wenn es jemand wagen würde, auch nur ein Dorf in der Nähe von Nisselburg zu
bedrohen, würden sich die Landwächter bereits darum streiten, wer den Verantwortlichen die
Haut über die Ohren ziehen dürfte! Wir würden nicht erst...
"Ich habe schon verstanden.", fuhr Karel scharf dazwischen und brachte ihn zum innehalten,
"Es beschämt mich auch zutiefst, aber die meisten unserer Kräfte jagen die Mutanten im und
um das Gebirge oder in kleinen Gruppen die wenigen, die sich noch aus unseren Wäldern
heraus trauen. Alleine Ters könnte das Dreifache an Kriegern beherbergen und besolden, aber
es sitzen keine Krieger mehr in der Halle der Stämme, sondern Kaufleute und Gildenmeister,
die den Reichtum lieber horten, als ihn für etwas sinnvolles auszugeben. Die Garnisonen sind
unterbesetzt und die Dörfer stellen in der Erntezeit nur wenige Wächter auf, weil alle Hände
auf den Feldern gebraucht werden."
Während er sich mit gequältem Gesicht die Schläfen massierte, beschäftigte Nagira allerdings
eine andere Frage, "Von welcher Art Gegner sprechen wir eigentlich? Wer tut so etwas?"
Der Schutzherr schien die Frage erwartet zu haben und seine Lippen zitterten leicht, als er
antwortete.
"Vielleicht Antarier. Sie haben wohl Wurfspeere und Feuertöpfe benutzt."
Das verwirrte sowohl Nagira, als auch ihre Offiziere so offensichtlich, dass Karel sofort
hinzufügte, "Wir wissen es nicht mit Sicherheit. Der Kaufmann sagte, dass sie die Flagge von
Nyrra trugen und unsere Dörfer abbrennen, wie in alten Zeiten. Ich werde Kushdal
informieren müssen, aber wir dürfen nichts Unbedachtes tun. Ich vertraue dir, Nagira Dorniis,
aus Seefeld, bringt mir diese abscheulichen Kreaturen, wenn möglich lebend, aber tut, was
getan werden muss. Wenn es Antarier sind, werden wir wohl ein paar Köpfe nach Nyrra
schicken müssen."
"Ich nehme an, dass wir sie mit noch vollständiger Halsbedachung abliefern sollen?"
"Ja", entgegnete Karel, sichtlich genervt von ihrer Ausdrucksweise, "wen auch immer es zu
bestrafen gilt, es soll möglichst für alle sichtbar auf dem Marktplatz stattfinden. Das einfache
Volk fühlt sich um seine Rache betrogen, wenn man ihm nur totes Fleisch vorsetzt."
"Verstanden", antwortete Nagira, während sie prüfte, ob die Sattelgurte fest saßen, "und wo
genau sollen wir suchen?"
Dafür schenkte ihr Karel seinen berühmten abwertenden Blick, der sieh ihre Frage sofort
bereuen ließ, erklärt schließlich aber doch, "Ihr reitet die Seestraße entlang, bis ihr ein
abgebranntes Dorf oder etwas in der Art findet. Soll ich euch noch einen Spurenleser zur Seite
stellen?"
"Danke, das wird nicht nötig sein. Wir sind vollzählig und abmarschbereit."
Und mit diesen Worten verbeugte sie sich vor Karel, griff nach einem Zügel und führte ihren
Rappen daran aus dem Kasernenhof, gefolgt von ihren Leuten.


Arellor hatte den halben Rückweg damit zugebracht, erst Luin und dann noch
einmal Ashara zu erklären, warum er es so eilig gehabt hatte, die Morgenstern zu verlassen.
"Können wir es uns wirklich leisten, ihn so schnell aufzugeben? Er sagte ja bloß, dass es..."
"Dass er es sich überlegen müsste. Ich weiß. Ich war auch dabei, falls es dir entgangen sein
sollte.", hatte er geantwortet, "Aber mit Männern, die erst überlegene müssen, können wir
nicht arbeiten. Wenn er nicht mit ganzem Herzen dabei ist, wird er uns mehr Ärger bereiten,
als seine gesamte Mannschaft uns nutzen kann."
Und Luin hatte ihn, unnötig wie immer, daran erinnert, dass sie bisher lediglich zwei
nennenswerte Kriegsschiffe auf ihrer Seite hatten.
"Ich weiß, was wir haben, ich habe die Verträge selbst unterzeichnet.", hatte er mit eisiger
Stimme geantwortet, während sie an der Festung der Sinjarin vorbei geritten waren, "Und
genau deshalb wirst du unserem geschätzten Freund einen Besuch abstatten."
Luin hatte ihn entsetzt angeschaut, aber schließlich doch gehorcht, wie er es eben immer tat,
und seit dem war er immerhin sein ständiges Gejammer los.
Ashara hatte er schließlich zugesichert, dass Sturmbrecher sofort von Steingart aus Segel nach
Altavoz gesetzt hatte, um Arellors Vorschlag zu anzuhören und sich früh genug melden würde,
wenn er nur halb so stolz war, für wie er den Kapitän hielt.
Ich hoffe doch, dass ich wenigstens mit der Hälfte meiner Annahmen Recht behalte.
Es war früher Mittag geworden, als er endlich an seiner Tafel Platz nehmen konnte. Statt mit
einem reichen Mahl hatte er sie allerdings mit einem Stapel Papiere, zwei Tintenstiften, einem
Wachstiegel und einer bauchigen Weinamphore aus Karion decken lassen. Er hatte es sich zum
Brauch gemacht, seinen Geschäftspartnern erst nach dem Abschließen der Verhandlungen
etwas essbares zu servieren. Erfreulicherweise bemühten sie sich dadurch, Ergebnisse zu liefern
und verschonten ihn mit unnötigem Gefeilsche. Dass er selbst dabei mit knurrendem Magen
durch den Tag kommen musste, war ein unerwünschtes, aber nötiges Opfer.
Der Händler, der heute als erster durch die Tür trat, sah zumindest nicht aus, als würde ihm
eine Fastenzeit viel anhaben können. Sein Gesicht war gerötet und unterschied sich nur um
wenige Farbstufen von dem weinroten Umhang, der sich über seinem Bauch spannte.
"Ich hatte einen Steingartner erwartet, aus Karion habe ich doch schon alles, was ich will.",
bemerkte Arellor, während er seinen Kopf zur Begrüßung neigte und auf den Wein deutete.
Der Mann schaute ihn aus seinen von geplatzten Adern gezeichneten Augen verständnislos an,
verstand den Hinweis aber doch, "Verzeihung, Karion ist eine zweite Heimat für mich
geworden und das Rot gefällt mir einfach besser, als unser fahles Grau. Darf ich mich setzen?"
Oh ja, das glaube ich aufs Wort, Suffkopf.
"Natürlich, es ist genügend Platz. Wie war die Reise?", antwortete Arellor höflich und deutete
auf einen der Stühle seitlich des Tisches. Die meisten anderen Kaufleute saßen sich bei
solcherlei Gelegenheiten gegenüber, doch er selbst behielt sich das Vorrecht, in seinem Haus
den Kopf der Tafel für sich zu beanspruchen und seinen Gästen zu zeigen, welchen Stellenwert
er ihnen beimaß.
Horkros Metz, wie die rote menschliche Kugel sich nannte, schien das allerdings nicht
aufzufallen. Stattdessen plauderte er munter drauf los, als wäre Arellors Frage ernst gemeint
gewesen.
"Nunja, wir sind bei bestem Wetter von Ters aus aufgebrochen. Aber man weiß ja, gutes Wetter
ist immer, in Ters. Kaum sieht man die Küste nicht mehr, beginnt es schon zu regnen wie aus
Eimern. Wir hatten guten Rückenwind, aber der hat uns trotzdem durchnässt bis auf die
Knochen. Das sind die Herbststürme, die fangen bald an. Noch ist alles ruhig, aber im Herbst
verlieren wir immer ein paar kleine Schiffe."
"Ja", antwortete Arellor und bemühte sich, sein Desinteresse zu verbergen, "Meine "Santara" ist
im letzten Herbst vor Arriz auf Grund gelaufen. Ein Sturm hat sie vom Kurs abgebracht und
direkt in die Heulenden Riffe getrieben. Sechs Seeleute verschollen und das halbe Schiff musste
geflickt werden. Umso größer sollte für uns beide das Interesse sein, den Sommer zu nutzen
und unsere Lager zu füllen."
"Ja...ja...", entgegnete Horkros, sichtlich erschüttert darüber, nicht weiter von seiner Reise
berichten zu können, "man sagte mir, dass ihr noch ein halbes Dutzend Küstenschiffe
bereitstellen könntet. Ich wäre begeistert, wenn ich diese für meine Zwecke anmieten könnte.
Man hat mich doch hoffentlich nicht falsch informiert?"
Arellor atmete innerlich auf, bewahrte aber eine ausdruckslose Mine und nippte an seinem
Weinglas, bevor er sich zu einer Erklärung herabließ.
"Nein, ich habe nicht zu viel versprochen. Ich habe in Arriz zwei und in Ters ein Schiff vor
Anker, die auf neue Aufträge warten. Weitere drei sind derzeit mit einem anderen Auftrag
unterwegs, werden aber in vier, höchstens fünf Tagen zur Verfügung stehen."
"Ausgezeichnet.", Horkros schien jetzt auch Gefallen am Wein zu finden und kippte in einem
Zug sein Glas hinunter, "Ich werde Wein und Getreide aus Karion bis Nyrra hinunter schiffen
lassen und wenn deine Schiffe bis zum nächsten Halbmond bereit stehen, können wir sofort
umbeladen und den Reichtum Karions entlang der Küste verteilen." Damit kramte er einen
Stoß Papiere aus seiner Umhangtasche, faltete sie auf und legte neben Arellors Glas. "Hier
wären die genauen Lieferdaten, Frachtmengen und die exakte Bezahlung aufgelistet. Dürfte ich
damit an deine Gastfreundschaft appellieren und um Speiß' und Unterkunft bitten?"
"Ja.", antwortete Arellor mit einem zufriedenen Lächeln und schob seinerseits die vorbereiteten
Verträge hinüber, bevor er Ashara nach seiner Dienerin schicken ließ.
Kaum war das erledigt, tauchte Luin in der Tür auf und zog seine Lippen unmerklich aufwärts,
was bei ihm so etwas wie Freude ausdrücken sollte. "Herr Sinjarin lädt morgen früh in sein
Haus ein.", begann er stolz, bevor er Horkros' Anwesenheit bemerkte und hinzufügte, "wegen
der Sache mit den Tuchlagern."
"Gut. Richte ihm aus, dass ich erscheinen werde, um diese...Sache...zu klären. Aber jetzt habe
ich gerade wichtigeres zu tun. Kümmere dich darum, dass sechs unserer Schiffe für unseren
geschätzten Freund, Herrn Metz rechtzeitig in Nyrra bereit stehen."
Wunderbar, dachte er sich dabei, trotz allem gehen meine Pläne langsam aber sicher in
Erfüllung.
Dass er an diesem Tag noch drei weitere Kaufleute empfangen musste, kam ihm mit einem
Schlag weniger störend vor. Immerhin musste er ja auch das nötige Kleingeld für seine Pläne
bereit halten.
Und es wird teuer. Vielleicht zu teuer, als dass wir es uns leisten könnten. Aber mit kleinen
Einsätzen wurden nie große Spiele gewonnen.
Endlich wurde aufgetischt. Natürlich gab es heute Muscheln...


Kapitel 3. Von Hunden und Füchsen


Naskalin Arderain sah die drei Stadtwachen auf sich zukommen, die Gesichter
angespannt und entschlossen. Sie waren nur mit Holzstöcken bewaffnet, doch auch damit
konnte man einen Mann zu Boden schlagen. Über den weinroten Stoffschichten trugen sie
stählerne Brustplatten, Schulterschützer und Eisenröcke. Die Helme waren ebenfalls mit einer
rötlichen Legierung überzogen und die heruntergelassenen Visiere schützten die Augen.
Naskalin ging zwei Schritte zurück, während sie versuchten, ihn zu umkreisen und spannte
seine Muskeln an. Der erste Schlag kam von links, wie er erwartet hatte.
Anstatt auszuweichen griff er nach dem Stock, bevor sein Gegner seine volle Schlagkraft
aufbauen konnte, nutzte sein Gewicht, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen und riss ihm
das Holz aus den Händen, bevor er ihn zu Boden warf. Noch in der selben Bewegung blockte er
den kommenden Schlag des zweiten Wächters und trat diesem so kräftig in den Magen, dass er
nach Luft schnappend auf die Knie sackte. Er hätte ihn gerne auch noch zu Boden geschickt,
doch der Dritte schlug ihm seinen Stock in die Rippen und zwang ihn, einen Satz zurück zu
springen. Naskalin deutete hoch an, schlug dann aber schnell und hart gegen seine Beine, setzte
wieder vor und warf ihn gegen den Ersten, der sich gerade wieder aufgerappelt hatte.
"Ihr kämpft wie ein paar alte Weiber.", höhnte er, bevor er seinen erbeuteten Stock in den
Boden rammte und die drei wieder sich selbst überließ, "Ihr seid zu dritt, also nutzt das aus,
anstatt euch gegenseitig im Weg zu stehen. Eure Rüstungen helfen euch nicht, wenn ihr damit
auf dem Boden liegt und sie hoch stemmen müsst."
Er ging mittlerweile auf die 60 zu, doch ließ er es sich nicht nehmen, seine Leute immer wieder
daran zu erinnern, dass er sie auch als alter Mann noch vorführen konnte.
Der Übungsplatz der karinischen Stadtwache war ein brachliegender Acker und rund herum
sah man Gemüsebeete und nur ein Stück weiter endlose Getreidefelder, die sich über das sanfte
Hügelland zogen, das den äußersten Rand des Erzgebirges darstellte. Karion lieferte sein
Getreide über den Fluss nach Nyrra und von dort wurde es an der gesamten Küste von Steingart
bis Ters und nach Altavoz weiterverkauft. Neben Nisselburg waren die fruchtbaren Hügel von
Karion die wichtigsten Nahrungslieferanten für den gesamten Süden. Die fünf goldenen Ähren
schmückten seit mehr als einem Jahrhundert die Flagge. Aber wirklich berühmt war das Rote
Gold, das den Grund des Wappens bildete. "Karinischer Wein schmeckt nach Sonne und Kraft"
war ein berühmtes Sprichwort, das man in Schenken des gesamten Allianzgebietes hören
konnte. Und Gerüchten zufolge wurde die Westmark nur befestigt, um das begehrte Getränk
über einen sicheren Landweg an die Westküste fahren zu können, wenn auf See die Zeit der
schweren Stürme begann.
Man mochte diesen Worten glauben oder auch nicht, doch ihre bloße Existenz bewies, welche
Bedeutung die sonnenverwöhnten Reben für die Stadt hatte, die um eine einzige Stallung
herum aufgebaut wurde. Wenn die Schmelzwasser oder ein starker Regenguss den Fluss
anschwellen ließen, mussten die Flussschiffe mit der Kraft von Ochsen und Pferden
stromaufwärts getreidelt werden. Karion war eine von drei befestigten Stallungen gewesen,
in denen die Treidler sich mit ausgeruhten Pferden ausstatten konnten, doch im Laufe der Zeit
war die Stadt gewachsen, wie die Ähren, die aus ihrem Korn heraus brachen, um sich der
lebenspendenden Sonne entgegen zu strecken.
Naskalin biss die Zähne zusammen, ließ sich aber nicht anmerken, wie sehr ihm die Rippen
weh taten, wo der Stock ihn getroffen hatte. Rund um den Übungsplatz hatte man Holzbänke
aufgestellt und während er sich mit verträumtem Lächeln darauf sinken ließ, wehte ihm der
Duft von frisch gemähtem Heu und Korn in die Nase, den er gierig einsog. In Karion wurde
bereits die zweite Ernte eingefahren, bevor man in Steingart oder Ters das erste Getreide reifen
sah. Es war ein Paradies, aufgebaut auf Lössboden und Pferdeäpfeln, das Überfluss und
verschwenderischen Reichtum angezogen hatte.
"Herr Arderain, Herr Arderain!"
Es war einer der Rekruten, der mit weit ausholenden Schritten über einend er Feldwege
gerannt kam.
Naskalin machte keinerlei Anstalten, sich zu erheben, sondern wartete, bis der Läufer
langsamer wurde, seine Sandalen in die lockere Erde rammte und japsend vor ihm zum Stehen
kam. Nachdem er die Hand in die Rippen gestützt und mühsam Luft geschöpft hatte, platzte es
schließlich wie ein Wolkenbruch aus ihm heraus:
"Herr Arderain, die Söldner, auf dem Weinmarkt, zwanzig, vielleicht mehr, Herr Arderain, wir
brauchen mehr Leute, überall Scherben,..."
"Gaaaanz ruhig.", unterbrach ihn der Hauptmann der Stadtwache geduldig, "was genau tun
unsere geschätzten Söldnerhaufen jetzt wieder?"
Donnerfaust war kein Name, den Söldner leichtfertig vergaben. Und in Donals
Gegenwart wagten es noch nicht einmal die Offiziere, ihn respektlos auszusprechen. Er
überragte die Menge um nie weniger als zwei Köpfe, seine Muskeln drohten immerzu, sein
Hemd zu sprengen, wenn er sich darin schnell bewegte und im Moment gruben sich seine
Knöchel in die Wange eines Kontrahenten, dessen Kiefer mit einem Geräusch brach, das von
allen Seiten übertönt wurde.
Donals Blick fiel jetzt auf den kleinen, rundlichen Kerl, der ihm immer noch mit den Fäusten in
die Seite hämmerte und dabei lediglich ein paar unangenehme blaue Flecken verursachte, die
der Riese eher aus ästhetischen Gründen unschön fand. Er hob den Zwerg mit einer Hand am
Kragen hoch und warf ihn mühelos in eine nahe gelegene Hauswand. Die Weinhändler hatten
sich längst an die Raufereien zwischen den Söldnern gewöhnt und wo kurz zuvor noch volle
Amphoren feilgeboten wurden, landete der kleine Mann jetzt in einer soliden Hauswand, auf
deren roten Ziegeln sein ausgespucktes Blut kaum auffiel.
"Leg' dich mit wem an, der deinen Mundgeruch aushält!", rief ein Dritter, der mit einem
Knüppel auf ihn zu rannte und begann, schmerzhafte Hiebe auf Donals Armen zu verteilen.
Während er vergeblich versuchte, den neuen Gegner zu fassen zu bekommen, legte sich eine
Schlinge um seinen dicken Hals und zog ihn mit einem festen Ruck in die entgegengesetzte
Richtung. Er schaffte es knapp, das Gleichgewicht zu halten, merkte dann aber, dass ihm die
Gegenwehr sofort die Luft abschnürte. Ein Schlag streifte noch den Brustkorb des Gegners vor
ihm, bevor er zu Boden gezerrt wurde. Er sah noch, wie einer seiner eigenen Leute sich auf den
Knüppelschwinger stürzte, bevor ein harter Stiefel sich in seine Rippen bohrte. Während er mit
der linken Hand versuchte, das Seil um seinen Hals zu lockern, griff er mit der Rechten nach
dem Fuß, der stattdessen zurückwich und im nächsten Augenblick auf seinem Handgelenk
landete. Donnerfaust verbiss sich den stechenden Schmerz und zog den Arm so kräftig zurück,
dass sein Gegner ins Stolpern geriet.
Er schaffte es, sich aufzusetzen, den nächsten Angriff mit seinem Arm abzuwehren und den
Strick weit genug zu öffnen, um ihn über seinen großen Kopf abzustreifen. Doch kaum hatte er
es geschafft, wieder auf beide Beine zu kommen, ließ ein lauter Knall ihn und alle
Umstehenden kurz innehalten. Donal duckte sich instinktiv, bevor er den Kopf in Richtung des
Schusses wandte. Sein Blick folgte dem Pulverrauch und erblickte rotgewandete Reiter, die mit
langen Holzstäben bewaffnet waren. Nur einer von ihnen trug ein Schießrohr und war an
seinem weißgrauen Spitzbart als Naskalin zu erkennen.
Der Hauptmann der Wache rief irgendetwas, doch Donals Gegner nutzte die Gelegenheit zu
einem neuen Angriff und die meisten anderen führten ihre Kämpfe ebenfalls fort. Dann begann
das Zischen...
Naskalin machte sich nicht erst die Mühe, sein Schießrohr nachzuladen, sondern hängte es
sich wieder über den Rücken, bevor er den Befehl zum Einschreiten gab.
Die Wachen hinter ihm griffen zeitgleich in ihre Satteltaschen, zogen faustgroße Tonkugeln
heraus und schüttelten sie kurz, dann zogen sie die winzigen Korkverschlüsse heraus. Auf sein
Handzeichen flogen über zwei Dutzend in alle Richtungen auf den Marktplatz und gaben beim
Flug ein feindseliges Zischen und eine dünne Rauchspur von sich. Es war faszinierend
anzusehen, wie die aufgebrachte Menge stumm wurde und mit Unbehagen die Flugbahn
verfolgte. Dass der ein oder andere von den Geschossen am Kopf getroffen wurde, störte die
streitlustigen Söldner dabei noch am Wenigsten. Die meisten Granaten zerplatzten allerdings
schon beim Aufprall in unzählige Scherben und füllten die Luft im Umkreis mit dickem,
beißendem Rauch.
Zu allen Seiten stoben die Unruhestifter auseinander und zertraten dabei weitere
Rauchgranaten, während die Wachen zusätzlich noch ein paar weitere warfen.
"Da ich nun eure volle, ungeteilte Aufmerksamkeit habe," begann Naskalin erneut, derweil er
sich in seinem Sattel weit genug herab beugte, um dem Nächstbesten seinen Stab über den
Schädel zu ziehen, "Wer sind hier die Hauptmänner?"
Als die Wachen schließlich ihre Pferde vorwärts lenkten und ebenfalls mit kräftigen Schlägen
und grimmigen Blicken die Flüchtenden zurück trieben, begannen diese endlich, sich
kooperativer zu zeigen. Zwar waren es allesamt abgehärtete Krieger, doch innerhalb der Stadt
durften sie keine Waffen tragen und kuschten vor der gut gerüsteten Stadtwache, die jederzeit
Verstärkung erhalten konnte.
"Ich habe nichts gemacht!" und "Die haben angefangen!" waren die häufigsten Ausrufe, ergänzt
mit wirren Erklärungen und Rechtfertigungen, die Naskalin geflissentlich überhörte. Andere
zeigten in verschiedenste Richtungen, in denen sie ihre Vorgesetzten vermuteten.


Arellor hatte bereits seinen dritten Gast empfangen und diesen mit einer
Muschelplatte beschäftigt, während er selbst mit zusammengekniffenen Augen die Dokumente
durchging. Sein Gegenüber war der Inbegriff eines unscheinbaren Mannes und besaß nur eine
Flotte von drei Küstenfrachtern, die zwischen dem Weißen Hafen und den Steinbrüchen am
anderen Ende der Insel pendelte. Für gewöhnlich hatte Arellor es nicht nötig, mit
seinesgleichen am selben Tisch zu sitzen, doch für seine Zwecke konnte er den Mann bestens
verwenden. Er war klein, offenbar kurzsichtig genug, um eine erschreckend dicke Brille tragen
zu müssen und sein Mangel an Persönlichkeit wurde nur noch durch seinen Pragmatismus
überboten.
"Wenn ich hier unterschreibe stehen mir also zwei Küstenschiffe morgens vor der eigentlichen
Betriebszeit zur Verfügung und du sorgst dafür, dass niemand fragen stellt? Es wäre äußerst
unangenehm für uns beide, wenn jemand die Fracht untersucht."
Und genau darin lag der Sinn des Ganzen. Arellor hätte für diese Aufgabe auch eines seiner
eigenen, größeren Schiffe einsetzen können, doch wenn man die Kisten voll Schießpulver auf
einem fremden Schiff fand, ließ es sich erheblich überzeugender abstreiten, dass er etwas damit
zu tun hatte. Und natürlich würde es eher auffallen, wenn täglich eines seiner Handelsschiffe
mit unbeschrifteten Frachtkisten zu seinem Landsitz fuhr. Neben dem Pulver würde man
natürlich auch die Schießrohre finden; und natürlich frisch geschmiedete Klingen in dutzenden
Formen und Größen, Brustplatten, Kettenhemden, Arm- und Beinschienen, Helme und
verstärkte Stiefel. Zu guter Letzt natürlich Brote, Wein, Heu und sonstige Verpflegung für
Mensch und Tier, die er niemals damit rechtfertigen konnte, dass seine Bediensteten einen
besonders großen Appetit entwickelt hätten.
Immerhin hatte er seine Eitelkeit überwunden und nicht darauf bestanden, sein Wappen auf
die Ausrüstung prägen zu lassen, doch das Risiko war ohnehin hoch genug.
"Du zahlst, ich liefere.", gab der Gast zur Antwort, ohne den Blick zu heben. Arellor hatte
mittlerweile entdeckt, dass sein Gegenüber keineswegs aus Respektlosigkeit nicht ansah,
sondern lediglich aus Feigheit. Er legte die Fingerspitzen aufeinander und setzte einen
schmeichlerischen Tonfall auf.
"Es gäbe da dann noch eine Kleinigkeit zu ergänzen."
Er wartete auf eine Reaktion, doch erst nach ein paar Sekunden blickten ihn zwei unsichere
Augen an und er fuhr fort. "Ich und einige meiner Bediensteten könnten das Bedürfnis
verspüren, ebenfalls auf dem Seeweg zu reisen. Nur wenn es keine weiteren Umstände macht,
versteht sich."
Er spürte förmlich, wie das kleine Hirn vor ihm arbeitete, bevor es vorsichtig formulierte,
"Euren Landsitz erreicht man zu Pferd genau so schnell."
Arellor hatte diese Antwort erwartet, auch wenn sie nicht ganz der Wahrheit entsprach. Wenn
das Wetter ungünstig war, brauchten die Küstenschiffe sogar ein Stück länger, um ihr Ziel zu
erreichen.
"Ich hatte gehofft, meine Pferde zu schonen. Der Weg über die Insel ist ja nicht ungefährlich."
Sein Gast sah ihn an, verzog kaum merklich die Mundwinkel, machte sich dann an der letzten
Muschel zu schaffen. Er wusste, dass Arellor einfach nicht gerne an den Torwachen vorbei
wollte, wenn er sich mit seinem Gefolge traf. Arellor wusste, dass der kleine Mann ihm kein
Wort glaubte.
"Abgemacht.", sagte er.
"Es war mir eine Freude.", log Arellor.
Und damit war wieder ein kleiner Sieg errungen.
„Eins noch.“, fügte er hinzu, bevor sein geschätzter Geschäftspartner hinaus huschen konnte.
„Ja?“
„Sollte jemand diesen Vertrag zu sehen bekommen, bevor diese Sache erledigt ist, werde ich
von nichts wissen und du mit einem meiner Freunde Bekanntschaft machen. Verstanden?“
Er nickte und verschwand, hastig wie ein flüchtendes Nagetier.


Nagira streckte den Arm und ließ ihr Banner wehen, während sie ihren Trupp
durch die Gassen führte. Ters war für eine Großstadt eher dünn besiedelt und die breiten
Straßen aus gestampftem Lehm ließen auch die vielen Reiter und Fuhrwerke schnell voran
kommen. In schnellem Schritt ließen sie die Kaserne hinter sich, blickten noch kurz zu den
Statuen hinauf, die an allen Straßenkreuzungen für große Krieger und deren Pferde errichtet
worden waren, sahen die ein- und zweistöckigen Lehmbauten des einfachen Volkes und die
Prunkpaläste der Kriegergeschlechter, die gewölbeförmigen Lagerhallen und aus der Ferne die
drei Leuchttürme, die nach Westen, Süden und Osten auf das Meer hinaus blickten.
Ters besaß eine Schönheit, die man nirgendwo sonst fand und genau das hielt sie hier. Sie
fühlte sich wie eine große Heerführerin, wenn sie hoch zu Ross durch die erdfarbenen
Häuserreihen schritt und ihr Gildenbanner sich stolz nach dem Wind drehte, der hier alle paar
Stunden aus einer anderen Himmelsrichtung blies.
Die Wachen kannten sie bereits und winkten sie hindurch, als sie den inneren Mauerring
verließen, der die Altstadt geschützt hatte. Die Befestigung aus gebrannten Ziegeln diente
mittlerweile nur noch dazu, den Wegzoll von Fuhrwerken einzukassieren. Außerhalb waren
die Häuser noch weiter verstreut, umringt von liebevoll gepflegten Gärten, in denen knorrige
Bäume Schatten spendeten.
Einen Steinwurf weiter erblickte man die ersten Pferdekoppeln, die von den Familien der
Umgebung gemeinsam genutzt wurden und mit dem typischen hitzeresistenten Gras der
Halbinsel bewachsen waren. Wenn es auch an vielem anderen fehlte, konnte hier zumindest
jeder reiten und die meisten besaßen ein Pferd.
Als Nagira nach rechts blickte, konnte sie das vertraute Bild des Karetej-Gestütes erspähen und
erinnerte sich zurück. Die Gestüte waren in Ters mehr als nur Orte, an denen ausdauernde und
zuverlässige Pferde gezüchtet und ausgebildet wurden. Das Gelände um das Hauptgebäude
erstreckte sich über mehrere Pfeilschüsse landeinwärts und war einer der wichtigsten
Anlaufpunkte, wenn man es in Ters zu etwas bringen wollte. Die Kinder von Bauern und
Tagelöhnern strömten herbei und hofften auf eine Ausbildung als Reiter, die ihnen neue
Möglichkeiten erschloss. Ters hatte sich zwar der Allianz angeschlossen und vielen der
Neuerungen nachgegeben, die deren Kultur mit sich brachte, doch im Grunde ihres Herzens
waren die Terser ein Zusammenschluss stolzer Kriegerclans geblieben. Um die Siedlungen der
Halbinsel zu beschützen war es notwendig, dass die Krieger weite Strecken reiten konnten.
Wenn man dann einmal Krieger war, konnte man sich Ansehen erwerben, Offizier werden,
einen Landstrich zugeteilt bekommen, für dessen Sicherheit man verantwortlich war, und
schlussendlich für den großen Rat kandidieren und die Geschicke der Halbinsel mitbestimmen.
Die Oberschicht traf sich auf den Gestüten, um sich im berittenen Bogenschießen und
Pferderennen zu messen und selbst die fremden Kaufleute, die sich hier niederließen, pflegten
hier ihre Beziehungen.
Da sie zwei ihrer Mitstreiter im Karatej-Gestüt angeheuert und auch einige ihrer Auftraggeber
sich gerne hier mit ihr getroffen hatten, spürte sie jedes mal eine Art freudiger Erregung, wenn
sie das zylindrische Hauptgebäude mit dem leicht spitzen Strohdach sah, umrundet von den
Baracken der Ausbilder, Stallknechte und Schüler, den zweistöckigen Scheunen und einem
guten Dutzend großer Stallungen.



Und dann noch zwei aus dem Zusammenhang gerissene Splitterkapitel mit einem der exotischeren Charaktere:


Vorgeschichte: Er hat sich in Nyrra für einen Arena-Kampf angemeldet und diesen verloren.

„Trizias “Der Berglöwe” Karasant aus Westmark” war einer der wohlklingenderen Namen,
den sich Zrahk-Traiihka ausgedacht hatte, um unter Menschen zu wandeln. Seit er mit
blutender Nase aus der Nireon-Arena gekommen war, war bereits über eine Stunde vergangen,
doch hielt ihn die Unfähigkeit seiner Begleiter wie gewohnt von seiner eigentlichen Arbeit ab.
„Ich habe euch zehn Mal gesagt, dass mir scheißegal ist, ob ihr mir Tinte, Kohlestifte oder sonst
was heranschafft, also geht zurück zu diesem Händler und besorgt es!“
Er hatte erwartet, ein vollständig eingerichtetes Büro vorzufinden, als er ihre vorläufige
Unterkunft, ein etwas komfortableres Gasthaus nahe der Hafengarnison, betreten hatte.
Stattdessen saß er jetzt vor einem Stapel Papier samt Siegelwachs und fand nichts, womit er
darauf hätte schreiben können.
Immerhin war Nosman, seine rechte Hand und Leibwache, auf die Idee gekommen, sich von
Westmark aus für das Turnier anmelden zu lassen. Ein paar gefälschte Referenzen und Zrahks
tatsächlich vorhandene Kampferfahrung hatten ihm zwar eine blutige Nase eingebracht,
allerdings stellten die Nyrrer erheblich weniger Fragen, wenn es um ihre geliebten Arena-
Spiele ging und nach seinem Auftritt auf dem Sand würde seine Anwesenheit für eine Weile
nicht auffallen.
„Wieso hast du dich ergeben, war der Jungspund doch zu stark für dich?“, fragte ihn Esrog im
Vorbeigehen, während er eine dampfende Schüssel Eintopf auf den Tisch trug
„Dann hätten uns die nächsten Wochen irgendwelche Gratulanten und Wettschuldner verfolgt
und das ist das letzte, was wir jetzt gebrauchen können.“, gab er trocken zurück, „Dein Essen ist
hoffentlich nicht so enttäuschend wie der Rest unserer Organisation.“
„Habe ich dich damit jemals enttäuscht?“, entgegnete Esrog und setzte sich mit gespielter
Pikiertheit zu Tisch.
„Lass sehen.“, meinte Zrahk, zog seinen Stuhl zurück und nahm sich einen Löffel heraus.
„Nicht schlecht.“, bemerkte er, bevor er sich dann ebenfalls setzte und sich eine Tonschüssel
füllte.
„Wir haben unser eigenes Geschirr dabei?“, fragte Esrog stirnrunzelnd.
„Das fällt dir nach zwei Wochen auf?“, fragte Zrahk, seinerseits erstaunt.
„Nunja“, erklärte Esrog, „ich esse zum ersten Mal in Nyrra aus einer Tonschüssel.“
„Mir schmeckt es nicht von Eisen.“, antwortete Zrahk.
„Zu sehr nach Mensch?“
„Zu sehr nach Tod.“
„Verstehe. Man gewöhnt sich daran.“
Zrahk sah ihn mit einem ungläubigen Blick an.
„Nunja, du hast ja noch Zeit...“
„Ich bin jetzt zweieinhalb Jahrhunderte alt -“, begann Zrahk.
„- und du hast dich immer noch nicht an Geschirr aus Metall gewöhnt, schon gut.“, ergänzte
Esrog.
Dann aßen sie schweigend, bis Nosman endlich wieder auftauchte, diesmal zwei Tintenstifte in
der Hand.
„Warum nicht gleich so?“, knurrte Zrahk, doch das Essen hatte den Großteil seiner Wut
verrauchen lassen, „wir haben dir etwas übrig gelassen. Bedien dich.“
„Wollen wir nicht erst einen Brief nach Altavoz schicken lassen?“, fragte Nosman kleinlaut.
Sein Anführer zog daraufhin verblüfft eine Augenbraue hoch und fragte langsam, als spräche er
mit einem Kleinkind, „Und was sollte der beinhalten? Dass es uns gut geht und er sich keine
Sorgen machen soll?“
„Möglich.“, gab Nosman zurück, „vielleicht wüsste er gerne, dass -“
„Selbst wenn er das wissen will, ist es mir gleich. Er soll gefälligst das Vertrauen aufbringen,
dass ich meine Sache gut mache und seine Sorge um uns kann er sich sonst wo hinstecken, falls
sich jemand wie er tatsächlich welche machen sollte.“
„Du solltest an deiner negativen Einstellung zu den Menschen arbeiten.“, bemerkte Esrog, der
Vorlautere von beiden.
„Das tue ich ausgiebig.“, gab Zrahk zurück, „die ist mittlerweile genauso negativ, wie ich sie mir
wünsche. Und jetzt mach dich nützlich und stell mir Tee ins Arbeitszimmer.“
„Zu Befehl, eure Garstigkeit!“, verkündete Esrog und räumte ihre beiden Schüsseln ab.
Zrahk-Traiihka schnappte sich seinerseits die Stifte aus Nosmans Hand und rauschte an ihm
vorbei, seinem Schreibtisch entgegen. Für einen Moment überkam ihn wieder das instinktive
Verlangen, im Stehen zu arbeiten, bevor er sich erinnerte, dass Menschen das für
ungewöhnlich hielten und deshalb auch ihre Tische so niedrig bauten.
Er legte sich ein Blatt zurecht und schrieb, sich an die Höflichkeitsfloskeln der Kaufleute
erinnernd:
„Sehr geehrter Zacheus Marmbeck,
wie du mir in deinem letzten Schreiben berichtet hast, gibt es frohe Kunde im Ölgeschäft. Es
freut mich, von deinem Erfolg zu hören, doch stimmt es mich sorgenvoll, dass der Herbst so
kurz bevorsteht. Wir sollten unser weiteres Vorgehen abstimmen und ein möglichst profitables
Ergebnis für alle Beteiligten anstreben. Zu diesem Zwecke schlage ich ein Treffen vor, das noch
vor dem nächsten Neumond erfolgen sollte. Es wäre freundlich, wenn du zu diesem Anlass ein
kleines Bankett vorbereiten und mich und ein paar gute Freunde und Geschäftspartner
verköstigen könntest.Huhn sollte nicht unbedingt auf der Speisekarte stehen, doch die Oliven
sollten wir uns gemeinsam schmecken lassen. Wir bringen selbstverständlich ein paar
Geschenke mit, du und deine Familie werden freudig überrascht sein.Bitte teile mir
schnellstmöglich mit, wann und wo wir uns wieder sehen werden, ich freue mich bereits.
Alles Gutes und Grüße an die gesamte Familie,
dein treuer Freund,
Ashantu Toregg“


[später]

Zrahk-Traiihka hatte längst keinen Blick mehr für den Mond, wusste nicht, ob er diese helle
Scheibe am Himmel je gemocht hatte. Die Sichel stand in gleißendem Weiß am Nachthimmel
über Nyrra und wie er Menschen kannte, würden heute wieder Tausende von ihnen hinauf
zeigen und sich über den „Wunderschönen Mond“ freuen.
Er hatte bereits mehr als doppelt so viele Monde gesehen, als es die ältesten Menschen je
würden und für ihn war jeder neue Vollmond eine Erinnerung daran, wie lange er schon auf
dieser Welt wandelte und wie kurz ihm die Zeit mittlerweile vorkam. Ein verhasstes Symbol
dafür, dass sich alles auf eine gewisse Weise wiederholte und die Zeit ihn langsam müde
werden ließ.
Er war selbst kein geborener Mutant, sondern wurde vor über zweihundertfünfzig
Menschenjahren gebissen und infiziert. Er hatte in dieser Zeit so unglaublich viel vergessen,
aber an die Tage danach konnte er sich noch so glasklar erinnern, als wäre seit damals nicht
mehr als eine Woche vergangen.
Sein Arm war zerfetzt gewesen, er war innerlich am Verbluten und hatte das Fieber bereits als
Höllenqual empfunden. Seine Freunde waren geflohen, nicht vor den Stammeskriegern, die sie
gejagt hatten, sondern schlussendlich vor ihm. Zurecht, wie er später feststellen sollte.
Er war auf einer Lichtung abgelegt worden oder dort hin gekrochen...oder das Fieber hatte es
ihm vorgespielt. Jedenfalls hatte er zwar gespürt, wie der Regen auf seine Haut fiel und der
Sturm um ihn herum tobte, doch keinerlei Kälte empfunden, so heiß hatte sein Körper
gebrannt.
Er hatte sich gewehrt, mit aller Kraft, die sein sterbender Leib aufbringen konnte, hatte er sich
dem entgegengestellt, was in ihn eingedrungen war. Doch er hatte verloren...und überlebt.
Die meisten Menschen, denen das gleiche passiert war, waren Tage, Wochen oder auch erst
Jahre später kläglich zu Grunde gegangen. Gliedmaßen waren angeschwollen und sie hatten sie
bewegungsunfähig gemacht. Zrahk hatte erlebt, wie ein Gebissener so starke Brustmuskeln
entwickelt hatte, dass diese ihn irgendwann erstickten. Bei anderen war die Haut immer härter
geworden, bis sie schließlich wie versteinert waren. Und das waren noch die schöneren Fälle
gewesen, für die er verantwortlich war...
Ihn dagegen hatte es damals gerettet. Auf grausamste Weise, die Schmerzen waren unerträglich
gewesen, doch seine Wunden waren verheilt. Seine inneren Blutungen hatten ihn zumindest
nicht umgebracht, doch bei seinem Arm hatte er zusehen können, wie die gesplitterten
Knochen und der vollkommen verdrehte Daumen sich langsam wieder richteten und ihre alte
Form fanden. Und während der ersten Tage, in denen er wieder selbstständig laufen konnte
und sich nicht mehr wimmernd über den Waldboden rollte, hatte er es für ein Wunder
gehalten...
„Auch einen Zug?“, fragte Esrog.
Es dauerte einen Augenblick, bis Zrahk in die Wirklichkeit zurück fand, wo ihm aromatischer
Rauch in die Nase stieg. Anscheinend hatte Esrog sich eine Pfeife angezündet.
„Bist du von Sinnen, du Trottel?“, zischte der Ältere seinem Helfer zu, „Willst du nicht gleich
ein Signalfeuer anzünden? Oder uns gleich selbst in Ketten legen?“
Noch bevor er ihm die Pfeife aus der Hand reißen konnte, erwiderte Esrog, ohne mit der
Wimper zu zucken: „Wen werden die Stadtwachen eher in Ketten legen? Zwei ausgelassen
plaudernde Freunde, die auf ihrem Dach Pfeife rauchen und die Nachtluft genießen? Oder zwei
reglose Schatten, die in einer kalten Nacht stumm dahocken und die Garnison beobachten?“
„Das ist verdammt nochmal...“, begann Zrahk, ließ sich das Gesagte dann aber noch einmal
durch den Kopf gehen, „...nicht einmal ganz so dumm, wie ich erwartet habe. Gib schon her.“
Mit triumphierendem Grinsen überreichte er seinem Anführer das qualmende Stück Holz.
Genussvoll zog dieser daran und stieß den Rauch in drei Kringeln wieder aus.
„Was glaubst du, wie viel Asche nach all den Jahren in deiner Lunge herumliegt?“, stichelte
Esrog.
„Konzentrier' dich gefälligst. Ist der Hauptmann schon im Bett?“, erwiderte Zrahk.
„Er ist in dem großen Saal dort unten und spielt Karten mit seinem Stab. Scheint 'ne
Glückssträhne zu haben, der alte Mistkerl.“
Zrahks Blick folgte Esrogs Finger, sah aber lediglich ein längeres erleuchtetes Fenster in einer
der unteren Stockwerke. Es hasste es, wenn Esrog mit seinen viel schärferen Augen angab.
„Schon gut, schon gut,, von mir aus kann er sie alle um Hemd und Hose spielen. Dann schau
jetzt nach dem Quartiermeister.“
„Der scheint sich gerade aus seinem Obergewand zu befreien...Himmel, ist der Kerl fett! -“
„Schreib auf!“, befahl Zrahk und zeigte auf die riesige Turmuhr, die andem
Kaufmannsgildenturm, dem höchsten Gebäude des Hafenviertels, befestigt war,
„Quartiermeister, Zwanzig vor Mitternacht. Wobei, schreib „Fett“ auf. Könnte sich noch als
nützlich erweisen.“
Noch breiter grinsend griff Esrog nach einer Ledermappe, die für die Aufzeichnungen über
Nyrra vorgesehen war und kritzelte die Informationen hinein.
„Scheint, als würde der Hauptmann auf ein weiteres Spiel bestehen.“, bemerkte er schließlich.
„Dann hol' ich uns mehr Pfeifenkraut, pass' du weiter auf.“, schloss Zrahk.
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